
Alaa Aldin Alkhatib
15/09/2019
Überarbeitete Fassung
Facebook allein reicht nicht aus, um tatsächliche Trends in der öffentlichen Meinung oder die Popularität einzelner Politikerinnen und Politiker verlässlich abzubilden. Die Plattform kann jedoch interessante Hinweise darauf liefern, wie ihre Nutzerinnen und Nutzer auf politische Akteure und Ereignisse reagieren.
Die vorliegende Analyse untersucht die Reaktionen von Facebook-Nutzerinnen und -Nutzern auf die öffentlichen Seiten ausgewählter österreichischer Politikerinnen und Politiker. Grundlage sind Daten, die im Zeitraum vom 1. Januar bis zum 10. August 2019 auf Facebook erhoben wurden. Untersucht wird, wie Nutzerinnen und Nutzer mit den Beiträgen der ausgewählten Politiker interagierten und ob sich Veränderungen im Zusammenhang mit den politischen Ereignissen nach Bekanntwerden der Ibiza-Affäre am 17. Mai 2019 erkennen lassen. Dazu zählen insbesondere der Rücktritt von Heinz-Christian Strache am 18. Mai, der Rückzug der übrigen FPÖ-Minister aus der Bundesregierung am 20. Mai sowie das Misstrauensvotum gegen die Bundesregierung am 27. Mai.
Für die Analyse wurden die Facebook-Seiten von sechs österreichischen Politikern ausgewählt: Sebastian Kurz, Pamela Rendi-Wagner, Norbert Hofer, Heinz-Christian Strache, Herbert Kickl und Alexander Van der Bellen. Die auf diesen Seiten verfügbaren Daten wurden erfasst, ausgewertet und nach verschiedenen Formen der Nutzerinteraktion kategorisiert.
Allgemeine Trends der „Gefällt mir“-Interaktionen
Die folgenden Grafiken zeigen die Entwicklung der „Gefällt mir“-Interaktionen mit den Beiträgen auf den untersuchten Facebook-Seiten im Studienzeitraum.
Die blauen Linien zeigen die Gesamtzahl der Likes für die veröffentlichten Beiträge auf der jeweiligen Facebook-Seite. Die roten Linien bilden den allgemeinen Trend der Like-Entwicklung ab.
Im Mai 2019 nahm die Aktivität auf den untersuchten Facebook-Seiten im Umfeld der Ibiza-Affäre deutlich zu. Die politischen Ereignisse dieser Wochen gingen mit einer verstärkten Interaktion der Facebook-Nutzerinnen und -Nutzer mit den Beiträgen der untersuchten Politiker einher.
Unabhängig von der jeweiligen Gesamtzahl der Likes lässt sich bei Alexander Van der Bellen, Pamela Rendi-Wagner und Norbert Hofer seit Juli ein leichter Aufwärtstrend bei den Interaktionen erkennen. Ob sich diese Entwicklung bis zur Nationalratswahl fortsetzen würde, ließ sich zum Zeitpunkt der Datenerhebung allerdings noch nicht beurteilen.
Interaktionen durch das Teilen von Beiträgen
Das öffentliche Teilen eines Facebook-Beitrags stellt eine aktivere Form der Interaktion dar als ein einfacher Klick auf „Gefällt mir“. Ein geteilter Beitrag erreicht potenziell weitere Nutzerinnen und Nutzer und trägt damit zu seiner Verbreitung über die ursprüngliche Facebook-Seite hinaus bei. Die Zahl der Shares kann daher als Indikator dafür dienen, welche Beiträge und politischen Akteure eine besonders hohe aktive Resonanz und Reichweite erzielen. Sie lässt jedoch nicht zwangsläufig auf politische Zustimmung schließen.
„Über die untersuchten Zeiträume hinweg wies Straches Seite insgesamt das höchste Niveau an Shares auf.“
Im Zeitraum vom 12. bis 26. Januar verzeichnete die Facebook-Seite von Sebastian Kurz die höchste durchschnittliche Zahl an Shares. Über den gesamten Untersuchungszeitraum hinweg erreichte jedoch die Seite von Heinz-Christian Strache insgesamt die meisten geteilten Beiträge.
Auf der Facebook-Seite von Pamela Rendi-Wagner lag die Zahl der Shares zwar auf einem niedrigeren Niveau, zeigte im Zeitverlauf jedoch eine vergleichsweise stabile Entwicklung. Auf den Seiten von Norbert Hofer und Herbert Kickl ist hingegen nach dem 17. Mai 2019, dem Bekanntwerden der Ibiza-Affäre, ein deutlicher Anstieg der Shares zu beobachten.
Die drei Posts mit den meisten Likes
Die folgenden Abbildungen zeigen für jede der untersuchten Politikerinnen und Politiker die drei Beiträge, die im Untersuchungszeitraum die meisten Likes erhielten. Zusätzlich werden die jeweiligen Überschriften beziehungsweise Kernaussagen dieser Beiträge dargestellt.
Auffällig ist der emotionale Charakter vieler Beiträge, die besonders hohe Like-Zahlen erzielten. Dies deutet zumindest darauf hin, dass emotional formulierte oder emotional aufgeladene Inhalte auf den untersuchten Facebook-Seiten häufig eine starke Resonanz fanden. Eine bemerkenswerte Ausnahme bilden die drei erfolgreichsten Beiträge auf der Seite von Pamela Rendi-Wagner, die im Vergleich zu den Top-Beiträgen der anderen untersuchten Politikerinnen und Politiker deutlich sachlicher wirken.
Durchschnittliche Interaktionen auf den Facebook-Seiten
Die bisher dargestellten Grafiken erlauben nur einen eingeschränkten direkten Vergleich zwischen den untersuchten Facebook-Seiten, da sich Umfang und Art der Interaktionen zum Teil erheblich unterscheiden. Die folgende Grafik stellt daher die durchschnittliche Zahl der Likes, Shares und Kommentare auf den einzelnen Facebook-Seiten während des Untersuchungszeitraums gegenüber.
Dabei weist die Facebook-Seite von Heinz-Christian Strache die höchsten durchschnittlichen Interaktionswerte auf, gefolgt von den Seiten von Sebastian Kurz und Alexander Van der Bellen.
Die Facebook-Seite von Sebastian Kurz verfügte mit rund 800.000 Likes über die größte Zahl an Seiten-Likes. Eine hohe Zahl an Followern beziehungsweise Seiten-Likes führte jedoch nicht automatisch zu einer entsprechend hohen Interaktion. Besonders deutlich zeigt sich dies bei der Facebook-Seite von Heinz-Christian Strache, die im Untersuchungszeitraum eine wesentlich höhere Aktivität der Nutzerinnen und Nutzer verzeichnete.
Straches Seite wies zugleich die höchste Zahl veröffentlichter Beiträge (652 Posts) sowie die höchsten Gesamtwerte bei den erfassten Interaktionen auf: knapp zwei Millionen Likes, rund 338.000 Kommentare und mehr als 306.000 Shares.
Häufig verwendete Begriffe pro 100 Facebook-Beiträge
Facebook zeigt bei längeren Beiträgen in der Vorschau nicht immer den vollständigen Text an. Für die Analyse wurde daher untersucht, welche Begriffe in den jeweils sichtbaren Textausschnitten besonders häufig vorkommen.
Da sich die Zahl der veröffentlichten Beiträge zwischen den untersuchten Facebook-Seiten deutlich unterscheidet, wurden die ermittelten Worthäufigkeiten standardisiert: Die Anzahl der Nennungen eines Begriffs wurde durch die Gesamtzahl der Beiträge auf der jeweiligen Seite geteilt und anschließend auf 100 Beiträge hochgerechnet. Dadurch lassen sich die Häufigkeiten zwischen den einzelnen Facebook-Seiten besser vergleichen.
Die rot markierten Werte kennzeichnen jeweils jene Begriffe, die auf der betreffenden Facebook-Seite besonders häufig verwendet wurden. Die grün hinterlegten Werte markieren Begriffe, die über mehrere der untersuchten Seiten hinweg vergleichsweise häufig vorkommen.
Dabei zeigen sich unterschiedliche thematische Schwerpunkte. Begriffe wie „Familie“, „Kind“, „Frau“, „Männer“, „jung“ und „alt“ treten besonders häufig auf den Seiten von Pamela Rendi-Wagner, Heinz-Christian Strache und Alexander Van der Bellen auf.
Auf Rendi-Wagners Seite finden sich darüber hinaus Begriffe wie „Pension“, „krank“, „arbeitslos“ und „arm“ häufiger als auf den Seiten der anderen untersuchten Politiker. Auf Straches Seite fallen dagegen insbesondere die häufige Verwendung der Begriffe „Muslim“ und „Islam“ sowie des Begriffs „Sicherung“ auf.
Der Begriff „Arbeit“ kommt besonders häufig auf den Seiten von Sebastian Kurz und Norbert Hofer vor, während auf Kurz’ Seite zusätzlich der Begriff „Steuer“ vergleichsweise oft verwendet wird. Begriffe aus dem Themenfeld Asyl, Flucht und Einwanderung treten am häufigsten auf Herbert Kickls Seite auf; bei Pamela Rendi-Wagner und Alexander Van der Bellen spielen sie dagegen eine deutlich geringere Rolle.
Politische Orientierung und Aktivität auf Facebook
Für Österreich lagen zum Zeitpunkt dieser Untersuchung keine vergleichbaren detaillierten Studien über den Zusammenhang zwischen politischer Orientierung und Interaktionen in sozialen Medien vor. Hinweise auf mögliche Zusammenhänge liefert jedoch eine Studie des Pew Research Center aus dem Jahr 2014 über politische Polarisierung und Mediennutzung in den USA.
Die Studie zeigt, dass sich politisch stark positionierte Nutzerinnen und Nutzer auch in ihrem Verhalten auf Facebook unterscheiden. Unter den Befragten mit konservativen politischen Einstellungen gaben 47 Prozent an, politische Beiträge auf Facebook zu sehen; 49 Prozent folgten politischen Parteien, Kandidatinnen und Kandidaten oder gewählten Amtsträgern. Unter den Befragten mit liberalen politischen Einstellungen lagen die entsprechenden Werte bei 32 beziehungsweise 42 Prozent. Gleichzeitig berichteten 31 Prozent der konservativen und 44 Prozent der liberalen Befragten, andere Nutzerinnen oder Nutzer wegen politischer Inhalte blockiert oder entfreundet zu haben.
Diese Ergebnisse aus den USA lassen sich nicht unmittelbar auf Österreich übertragen. Sie verdeutlichen jedoch, dass politische Orientierung, Mediennutzung und das Verhalten in sozialen Netzwerken miteinander zusammenhängen können. Die im Rahmen dieser Untersuchung erhobenen österreichischen Facebook-Daten sollten daher nicht als repräsentatives Abbild der politischen Präferenzen der Bevölkerung verstanden werden, sondern als Indikatoren für unterschiedliche Formen politischer Mobilisierung und Interaktion innerhalb der Plattform.
Fazit
Die ausgewerteten Daten erlauben keine abschließenden Aussagen über die Popularität einzelner Politikerinnen und Politiker oder über die politischen Präferenzen der österreichischen Bevölkerung. Facebook ist weder eine repräsentative Stichprobe der Gesellschaft noch lässt sich aus Likes, Kommentaren oder Shares unmittelbar auf Wahlentscheidungen schließen.
Dennoch zeigen die Daten deutliche Unterschiede in der Art und Intensität der Interaktionen auf den untersuchten Facebook-Seiten. Besonders die Seiten von Heinz-Christian Strache und Sebastian Kurz erzielten im Untersuchungszeitraum eine hohe Resonanz, wobei Straches Seite trotz einer geringeren Zahl an Seiten-Likes wesentlich höhere Interaktionswerte aufwies. Auch die vergleichsweise starke Interaktion auf der Seite von Alexander Van der Bellen zeigt, dass politische Mobilisierung auf Facebook nicht ausschließlich entlang der klassischen Parteigrenzen betrachtet werden kann.
Zugleich deutet die Analyse der besonders erfolgreichen Beiträge und der häufig verwendeten Begriffe darauf hin, dass sich die untersuchten Politikerinnen und Politiker in ihrer thematischen Schwerpunktsetzung und in der Art ihrer politischen Kommunikation deutlich voneinander unterscheiden. Themen wie Migration und Asyl, Arbeit und Steuern sowie Familie und soziale Sicherheit nehmen dabei je nach politischem Akteur unterschiedlich viel Raum ein.
Die Untersuchung kann daher keine Wahlprognose liefern. Sie zeigt vielmehr, wie Facebook im österreichischen Wahljahr 2019 als politischer Kommunikationsraum funktionierte: als Plattform, auf der politische Ereignisse, unterschiedliche Themen und Kommunikationsstile mit sehr unterschiedlichen Formen und Intensitäten der Nutzerinteraktion verbunden waren
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PoliticalPolarizationandMediaHabitsFINALREPORT- Pew Research Center























