Do.. Sep. 3rd, 2026

Alaa Alkhatib

علاء الخطيب

3- Von Omars Ermordung bis zur Großen Fitna: Wenn der Staat seine eigenen Kinder frisst

Die Geschichte des Islams: Im Spannungsfeld von Sakralität und Menschlichkeit (3)

 

Von: Alaa Al-Khatib

19.02.2026

 

Die Geschichte der Völker lehrt uns: Der Zerfall eines Reiches beginnt nicht an seinen Außengrenzen, sondern im Zentrum. Nach Jahren beispielloser Expansion brach der junge islamische Staat keineswegs unter den Schlägen der Byzantiner oder Perser zusammen – er zersplitterte direkt in seinem Herzen, in Medina.

Wir erleben hier einen klassischen Fall der Staatssoziologie: Wenn das Tempo imperialer Expansion das institutionelle Vermögen überfordert, Ordnung und Kontrolle aufrechtzuerhalten, erwachst die Existenzgefahr von innen, nicht von außen. Dieser Beitrag analysiert, wie sich der „Streit“ von einer gelehrten Auseinandersetzung über Texte in einen Kampf um Souveränität und realpolitische Tatsachen wandelte.

Die Ermordung Omars: Das Ende der strikten Stabilität

Die Ermordung Omar ibn al-Khattabs war nicht bloß ein politisches Verbrechen; sie markierte den Zusammenbruch des Modells einer „strikten Zentralisierung“. Omar verkörperte die Autorität der Entscheidung und eine eiserne Regulierungsinstanz, die verhinderte, dass die regionalen Befehlshaber in den Amsār (den Garnisonsstädten und Provinzen) zu Feudalherren aufstiegen. Sein Tod öffnete die Tür für die aufgeschobene Souveränitätsfrage: Wie lässt sich ein Staat ohne verbindliche Regeln für den Machtwechsel führen?

Vor seinem Tod setzte Omar einen Sechserrat (Schūrā) aus führenden Gefährten der Quraisch (der politischen Elite) ein, um einen Nachfolger zu wählen. Diese „Schūrā der Sechs“ war der erste institutionelle politische Versuch, jedoch fehlte ihm eine Verfassung, die den künftigen Kalifen vor den Ambitionen aufstrebender Eliten geschützt hätte. Obwohl es ein Versuch war, den Machtwechsel zu institutionalisieren, beschränkte er die Auswahl auf die Quraisch-Elite – was später das Gefühl der Ausgrenzung bei anderen Stämmen vertiefte und den Nährboden für jene sozio-politischen Spannungen legte, die unter Othman explodierten.

Omar verkörperte die „Autorität des Staates“ in ihrer reinsten Form. Seine Ermordung bedeutete das Fehlen jener charismatischen Führungspersönlichkeit, die in der Lage war, die regionalen Machthaber im Zaum zu halten. Während der Attentäter (Abu Lu’lu’a al-Madschusi) aus persönlichen Motiven bezüglich der Grundsteuer (Kharādsch) handelte, deuten historische Berichte darauf hin, dass der allgemeine Kontext Anzeichen von Unzufriedenheit unter einigen Mawālī (nicht-arabischen Untertanen) oder jenen trug, die durch die islamische Expansion und den Niedergang alter Reiche – insbesondere des Sassanidenreichs – benachteiligt wurden.

In vielen Überlieferungen wird Omar als das „verschlossene Tor“ gegen die Fitna (Bürgerfehde) beschrieben. Mit seinem Tod sperrte sich dieses Tor weit auf, was zu zwei tiefgreifenden sozialen Umbrüchen führte:

  • Akkumulation von Wohlstand: Ohne Omars strikte Kontrolle sammelte sich das Kapital in den Händen der Eliten.
  • Das Wiederaufleben der ʿAsabiyya: Der Stammespatriotismus, den Omar durch seine kompromisslose Gerechtigkeit unterdrückt hatte, brach sich bahn in Forderungen nach hohen Ämtern und Statthalterschaften.

Omars Ermordung war eine „strukturelle Zäsur“; der Staat nach ihm war nicht mehr derselbe. Er wandelte sich von „administrativer Entsagung“ und absoluter zentraler Disziplin hin zu einer Phase „politischer Dynamik“, die schließlich zur Großen Fitna und der späteren Gründung des Umayyaden-Staates führte.

 

Die Wahl Othmans: Der Beginn des sozialen Wandels an der Macht

Mit Othman ibn Affan trat der Staat in eine neue Phase ein, in der der Wohlstand durch die imperiale Expansion massiv anwuchs und die „Quraisch-Aristokratie“ – insbesondere das Haus der Umayyaden (Othmans Sippe) – an Einfluss gewann.

Die strukturelle Analyse zeigt, dass die Proteste keineswegs rein „religiös“ waren; es war ein Aufbegehren der „Peripherie“ (der Provinzen) gegen das Monopol des „Zentrums“ (Medina) über Entscheidungen und Ressourcen sowie gegen die wahrgenommene Begünstigung von Othmans umayyadischen Verwandten. Die Belagerung und Ermordung des Kalifen markierten den Moment, in dem die „Unantastbarkeit des Herrschers“ vor dem „Machtwillen“ fiel. Der Staat verlor seine Fähigkeit zur Schlichtung und wurde zur direkten Partei im Konflikt.

Während Omar die Führung als ein „zentrales Mandat“ verstand, interpretierte Othman sie als Silat al-Rahm (Verwandtschaftspflege) und als Stammesanspruch für die umayyadische ʿAsabiyya. Er besetzte Schlüsselpositionen mit Verwandten wie Abdallah ibn Abi Sarh in Ägypten oder Marwan ibn al-Hakam als leitendem Berater – obwohl einige dieser Figuren zur Zeit des Propheten geächtet gewesen waren.

Die gefährlichste Entscheidung war jedoch seine Aufhebung der Residenzpflicht für die führenden Gefährten. Omar hatte ihnen das Verlassen Medinas untersagt, um die Elite unter Kontrolle des Zentrums zu halten. Othman erlaubte ihnen, sich in den Provinzen niederzulassen und Landbesitz zu erwerben, wodurch sich die Gefährten von „zentralen Beratern“ zu „Feudalherren und Machtzentren“ in den Regionen wandelten. Hier begannen die Züge eines Finanzimperiums die Einfachheit des frühen Staates zu verschlingen.

Die Belagerung Othmans: Opposition wird zur Tat

Aufständische belagerten den Kalifen Othman in seinem Haus in Medina. Diese Belagerung war ein politisches Großereignis, geprägt von organisierter Opposition, direktem Druck auf die Spitze der Autorität, dem Scheitern von Vermittlung und dem Zusammenbruch der Autorität des Zentrums, was schließlich mit der Ermordung endete. Zum ersten Mal wurde die Unantastbarkeit des Staatsoberhaupts aus dem Inneren der Umma (der muslimischen Gemeinschaft) heraus gebrochen. Dies war der Moment, in dem der Staat in die Phase des offenen Binnenkonflikts eintrat.

Ali und das Kalifat: Legitimität in einer gespaltenen Welt

Die Nachfolge von Ali ibn Abi Talib erfolgte in einem Klima von Aufruhr, Spaltung, Anschuldigungen und Forderungen nach Qisās (Blutrache/Vergeltung) für Othmans Blut. Der Kalif trat sein Amt somit in einem bereits zersplitterten Staat an. Der islamische Staat unter Ali war kein Raum des „Aufbaus“ mehr, sondern ein Raum der tiefen Krise.

Die Schlachten von al-Dschamal (Kamelschlacht) und Siffin waren keine bloßen historischen Missverständnisse, sondern ein Kampf um die „Definition von Legitimität“. Zum ersten Mal stand das Heer des Staates einem anderen Heer aus derselben Gemeinschaft gegenüber. Hier wandelte sich die Religion in eine „Sprache der Rechtfertigung“; jede Seite hisste ein göttliches Banner, um eine rein politische Entscheidung zu kaschieren. Die Zustimmung zum Schiedsgericht (Tachkīm) bei Siffin war das Eingeständnis, dass das Schwert allein nicht mehr ausreichte, um Souveränität durchzusetzen, und dass politische Verhandlungen wieder Einzug hielten.

Man betrachte dieses erschütternde Paradoxon: Die Zahl der Muslime, die innerhalb weniger Monate in den Schlachten von al-Dschamal und Siffin durch die Hände ihrer eigenen Glaubensbrüder fielen (einige Berichte sprechen von 70.000 bei Siffin und 10.000 bei der Kamelschlacht), überstieg die Zahl der Verluste in den jahrelangen Kriegen gegen das Byzantinische und das Sassanidenreich bei Weitem.

Diese Zahlen sind nicht nur eine Statistik; sie sind die Ankündigung des „Selbstmords des utopischen Modells“. Das Schwert, das einst nach außen gerichtet war, um die Welt zu öffnen, kehrte sich nach innen, um den Kampf um die Macht und die Souveränität auszufechten.

Die Religion verhinderte den Konflikt hier nicht; vielmehr trat sie als ein Set gegensätzlicher Rechtfertigungen in ihn ein. Sie konnte die Stammesbindung oder den Machtkampf nicht überwinden; stattdessen kehrte die ʿAsabiyya mit voller Wucht zurück, verkörpert im Kampf zwischen den Haschimiten (Alis Clan) und den Umayyaden.

Wenn ein Staat in einen inneren Legitimitätskrieg gerät, werden politisch-konfessionelle Spaltungen geboren. Der Kampf zwischen Ali und Mu’awiya war ein Konflikt zwischen dem Modell eines „Staates auf Basis religiöser Verdienste“ (Ali) und eines „Staates auf Basis realpolitischer ʿAsabiyya und Stammesbündnisse“ (Mu’awiya).

 

Fazit

Was wir in diesem Umbruch beobachten, ist kein Mangel an Glauben, sondern ein natürlicher soziologischer Kampf beim Aufstieg von Großreichen. Der Staat war keine puritanische „Missionsgruppe“ mehr; er hatte sich in ein komplexes Gebilde verwandelt, in dem Stammesinteressen und regionale Dynamiken aufeinanderprallten.

Die Parole „Es gibt keine Herrschaft außer Gottes“ (Lā Hukma illā Lillāh), erhoben von den Kharijiten, war keine Rechtslehre, sondern „politische Exkommunikation“, die darauf abzielte, allen Beteiligten die Souveränität abzuerkennen.

Wir haben gesehen: Die Ermordung des Staatsoberhaupts, eine Krise bei der Einflussverteilung, regionale Opposition, Belagerung, Bürgerkrieg und die politisch-konfessionelle Spaltung. Der Staat ging hieran nicht zugrunde, aber er verlor seine „anfängliche Unschuld“.

Im nächsten Artikel werden wir sehen, wie dieses blutige Kapitel mit der Etablierung des Umayyaden-Staates endete – wo das Kalifat endete und die „erbarmungslose Monarchie“ (Al-Mulk al-ʿAdūd) begann.

 

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Den vollständigen Beitrag hier lesen:
Geschichte des Islams (Das vollständige Manifest): Der Islam zwischen dem Sakralen und dem Menschlichen

 

Oder möchten Sie vielleicht die weiteren Teile dieser Reihe lesen:

 

  1. Souveränität und Verhandlung: Eine analytische Lektüre der Entstehung des „Gemeinwesens von Medina“.
  2. Der Kampf um Legitimität und die Existenzprüfung: Die Saqīfah, die Ridda und die Eroberungen
  3. Von Omars Ermordung bis zur Großen Fitna: Wenn der Staat seine eigenen Kinder frisst.
  4. Vom Kalifat zum Königreich: Die Geburt des Imperiums und des „Real-Staates“ – Die Umayyaden-Dynastie
  5. Das globale Imperium: Das Ringen der Nationalitäten und die Formung des muslimischen Geistes – Macht versus Jurist
  6. Der Zerfall des Zentrums: Das Zeitalter der Sultane und die Formung der Orthodoxie
  7. Das Zeitalter des Bruchstücks: Kreuzfahrer, Mongolen und die Jurisprudenz der Belagerung
  8. Der Herbst des Reiches: Der Tunnel der Stagnation und der Schock des Erwachsens
  9. Am Scheideweg: Die gescheiterte Aufklärung und der Aufstieg der Ideologie
  10.  Der historische Prozess: Auf dem Weg zu einem Islam ohne Götzen