Do.. Sep. 3rd, 2026

Alaa Alkhatib

علاء الخطيب

Zwischen der SDF und Suweida: Der Kreislauf der Angst, der Syriens neue Ordnung bedroht

 

Von der amerikanischen Sicherheitsgarantie bis zum israelischen Schutz zeigen die Erfahrungen der SDF und Hikmat al-Hijris ein Dilemma, das weit über das Schicksal zweier lokaler Kräfte hinausgeht: die Krise eines Staates, dem es bislang nicht gelungen ist, die Zugehörigkeit zu ihm sicherer zu machen als die Suche nach einem ausländischen Schutzpatron.

 

Alaa Alkhatib

26/08/2026

 

Zu dem Zeitpunkt, als Mazloum Abdi die Auflösung der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) und das Ende ihrer Existenz als eigenständige militärische Kraft verkündete, bewegte sich Hikmat al-Hijri nahezu in die entgegengesetzte Richtung. Er verschärfte seine Rhetorik in bislang beispielloser Weise, erklärte die Drusen zu einem „untrennbaren Teil des Staates Israel“ und sprach zugleich von souveränen Rechten Suweidas und vom Selbstbestimmungsrecht.

Beide Entwicklungen mögen zunächst unabhängig voneinander erscheinen. Nebeneinandergestellt offenbaren sie jedoch eines der gefährlichsten Dilemmata des neuen Syriens: Die Angst gesellschaftlicher Gruppen vor dem Zentrum treibt sie dazu, Schutz im Ausland zu suchen; anschließend führt das Zentrum gerade diese ausländischen Beziehungen als Beleg dafür an, dass noch mehr Machtkonzentration und Zentralisierung notwendig seien. Es ist ein Kreislauf, der sich selbst verstärkt und die Ursachen des Konflikts reproduzieren kann, selbst wenn dessen militärische Formen zurückgehen.

Die SDF: Wenn eine externe Garantie an ihre Grenzen stößt

Die SDF verfügte über Vorteile, die kaum eine andere lokale Kraft in Syrien besaß: Zehntausende Kämpfer, Verwaltungs- und Sicherheitsstrukturen, große Gebiete, Erdöl- und Agrarressourcen sowie eine direkte militärische Beziehung zu den Vereinigten Staaten. Als wichtigster Partner der internationalen Koalition am Boden im Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat erhielt sie Unterstützung, die ihr den Aufbau eines quasi-autonomen Regierungsmodells ermöglichte.

Doch die Beziehung zwischen einer Großmacht und einem lokalen Verbündeten bedeutet nicht, dass ihre Ziele identisch sind. Washington brauchte die SDF im Kampf gegen den IS; die Führung der SDF wollte diese Partnerschaft dagegen in eine politische Garantie für einen dauerhaften und besonderen Platz innerhalb des künftigen syrischen Staates verwandeln. Als sich die Rahmenbedingungen änderten, wurde der Unterschied zwischen beiden Zielen sichtbar.

Am 25. August 2026 verkündete Mazloum Abdi die Auflösung der SDF nach der Eingliederung ihrer Kräfte in die syrische Armee. Das bedeutet weder das Ende der kurdischen Frage noch entwertet es die politischen, kulturellen und administrativen Forderungen der Kurden. Es liefert jedoch eine schwer zu ignorierende Lehre: Selbst eine Kraft, die über Territorium, Waffen, Ressourcen und ein amerikanisches Bündnis verfügte, konnte externe Unterstützung nicht in eine dauerhafte Garantie für eine eigenständige militärische und politische Struktur verwandeln.

Suweida ist keine zweite SDF

Es wäre einfach zu sagen, al-Hijri wiederhole heute die Erfahrung der SDF und ersetze lediglich die Vereinigten Staaten durch Israel. Diese Deutung greift jedoch zu kurz. Suweida ist nicht deshalb in seine heutige Lage geraten, weil ein religiöser Führer plötzlich beschlossen hätte, sich Israel zuzuwenden.

Der Aufstieg al-Hijris und die Veränderung der Stimmung in Suweida lassen sich nicht verstehen, ohne auf die Ereignisse vom Juli 2025 zurückzugehen: auf die Tötungen und schweren Übergriffe gegen drusische Zivilisten durch Kräfte, die mit den damaligen Behörden in Damaskus verbunden waren, sowie durch Stammeskämpfer. Diese Ereignisse hinterließen eine tiefe Wunde. Für Menschen, die Angehörige oder Bewohner ihrer Ortschaften getötet sahen, war „Vertrauen in den Staat“ keine abstrakte verfassungsrechtliche Frage mehr, sondern eine Frage persönlicher und kollektiver Sicherheit.

Hier liegt die Hauptverantwortung bei den Machthabern in Damaskus. Eine Regierung, die das Gewalt- und Souveränitätsmonopol beansprucht, kann den Schutz ihrer Bürger und die Rechenschaft für Übergriffe nicht als Nebensache behandeln. Die Ereignisse in Suweida verschafften al-Hijri sein stärkstes politisches Kapital: die Angst. Er konnte nun argumentieren, die Gefahr, vor der er gewarnt hatte, sei keine Hypothese mehr; zugleich verloren Stimmen an Einfluss, die eher zu einer Verständigung mit Damaskus bereit waren.

Zwischen Hammer und Amboss: die Krise der Repräsentation

Die Verantwortung der Behörden für die Bedingungen, unter denen al-Hijris Einfluss wuchs, anzuerkennen, bedeutet nicht, ihn von der Verantwortung dafür zu entbinden, was er mit diesen Bedingungen macht. Eine verwundete Gesellschaft, die ihr Vertrauen in das Zentrum verloren hatte, sah sich zunehmend einer religiösen Führung gegenüber, die den Anspruch monopolisierte, in ihrem Namen zu sprechen, und ihre Sicherheit und Zukunft an eine Regionalmacht mit eigenen Interessen band.

Paradoxerweise kann auch Damaskus davon profitieren, Suweida auf „al-Hijri, Waffen, Israel und Separatismus“ zu reduzieren. Eine pluralistische drusische Gesellschaft mit zivilen und lokalen Kräften, unterschiedlichen religiösen Autoritäten und Strömungen, die Bürgerschaft, Dezentralisierung und verfassungsrechtliche Garantien fordern, zwingt die Führung in Damaskus zu der schwierigeren Frage: Welche Art von Staat will sie aufbauen? Ein von Israel unterstützter separatistischer Führer macht daraus eine einfachere Gegenüberstellung: syrischer Staat oder separatistisches Projekt?

Doch al-Hijri repräsentiert nicht die Drusen, und die Drusen sind nicht al-Hijri. Suweida ist mit seiner älteren und jüngeren Geschichte, seinen unterschiedlichen Führungspersönlichkeiten und religiösen Autoritäten sowie seinen Protestbewegungen während der Jahre des syrischen Aufstands zu vielfältig, um auf einen einzigen Scheich al-Aql reduziert zu werden – unabhängig davon, wie stark seine Popularität unter dem Druck von Angst und Gewalt gewachsen ist. Sein Aufstieg zu einer beinahe monopolartigen politischen Führungsposition muss als Ergebnis außergewöhnlicher Umstände verstanden werden, nicht als dauerhaftes Mandat einer homogenen Gemeinschaft.

Dies ist Teil einer umfassenderen syrischen Krise. Die Führung in Damaskus repräsentiert nicht alle Syrer, ebenso wenig dürfen die arabischen Sunniten auf die gegenwärtige Staatsführung reduziert werden. Auch die SDF-Führung umfasst nicht die vielfältige kurdische Gemeinschaft Syriens. Werden solche Gleichsetzungen akzeptiert, verwandelt sich Politik von einem Wettbewerb zwischen Bürgern und politischen Projekten in Verhandlungen zwischen vermeintlichen „Komponenten“, denen jeweils ein angeblicher Führer vorsteht. Die Ironie liegt darin, dass diese Führungen einander brauchen: Die Härte aus Damaskus stärkt al-Hijris Narrativ, während al-Hijris Rhetorik es Damaskus erleichtert, Zentralisierung als Verteidigung der nationalen Einheit darzustellen.

Die Aufgabe besteht deshalb darin, die Politik den Syrern selbst zurückzugeben: Ein Druse muss al-Hijri widersprechen können, ein Kurde der SDF und ein sunnitischer Syrer der Führung in Damaskus, ohne dass ein solcher Widerspruch als Verrat an der eigenen Gemeinschaft gilt.

Israel: Schutz für Suweida oder Schutz der Karte Suweida?

Al-Hijris Kalkül beruht nicht ausschließlich auf Illusionen. Israel hat gezeigt, dass es bereit ist, militärische Gewalt einzusetzen, wenn es die Drusen bedroht sieht. Zugleich besitzt es unmittelbare Interessen im Süden Syriens: schwere militärische Kräfte von seinen Grenzen fernzuhalten, eine Rückkehr Irans und der Hisbollah zu verhindern, türkischen militärischen Einfluss zu begrenzen und Einfluss auf künftige Sicherheitsregelungen zu behalten. Die einflussreiche drusische Gemeinschaft in Israel verleiht der Frage Suweidas zudem eine innenpolitische Dimension.

Doch es besteht ein grundlegender Unterschied zwischen dem Schutz Suweidas als politischer und sicherheitspolitischer Karte und seinem Schutz als dauerhaftem politischen Gebilde. Ersteres kann Luftangriffe, Hilfslieferungen, Unterstützung lokaler Kräfte und diplomatischen Druck erfordern. Letzteres verlangt langfristigen militärischen Schutz, Lebensmittel und Energie, Gehälter, Handel, Investitionen, Zugang zur Außenwelt und politische Garantien. Bislang gibt es keine ausreichenden Hinweise darauf, dass Israel beschlossen hat, eine solche Last dauerhaft zu übernehmen.

Ein Blick auf die Landkarte macht das Problem noch deutlicher. Suweida besitzt keine direkte geografische Verbindung zu Israel. Jede dauerhafte Landverbindung müsste durch Teile des Hauran und der Provinz Daraa führen – durch ein Umfeld, das Israel stark ablehnend gegenübersteht. Israel hat in Gesprächen mit Damaskus die Idee eines Korridors nach Suweida aufgebracht, während Damaskus dies als Verletzung der syrischen Souveränität zurückwies. Doch aus einem Hilfskorridor die Lebensader eines eigenständigen Gebildes zu machen, wirft ganz andere Fragen auf: Wer schützt die Route? Und könnte Israel Jahr für Jahr die Kosten dafür tragen, Dutzende Kilometer tief in syrischem Gebiet abzusichern?

Auch das Verhältnis ist asymmetrisch: Al-Hijri braucht Israel weit mehr als Israel ihn braucht. Sollte Israel von Damaskus einen entmilitarisierten Süden, die Entfernung schwerer Kräfte und iranischen Einflusses sowie Garantien für die Drusen erhalten, könnte es den Großteil seiner strategischen Ziele erreichen, ohne die Last eines eigenständigen Gebildes zu übernehmen. Die entscheidende Frage bleibt daher: Ist Israel bereit, Suweida zu schützen – oder lediglich die Karte Suweida, solange sie nützlich ist?

Die Region und die Grenzen des Projekts

Ein unabhängiges oder halbautonomes Gebilde unter israelischem Schutz wäre keine rein syrisch-israelische Angelegenheit. Jordanien, das an Suweida grenzt, hat gewichtige Sicherheitsgründe, eine Umwandlung Südsyriens in eine offene israelische Einflusssphäre abzulehnen. Saudi-Arabien und die Golfstaaten haben ein Interesse an der Stabilisierung Syriens und seiner Wiedereingliederung in die Region, nicht an einer Neuordnung seiner Landkarte entlang konfessioneller Linien. Die Türkei wiederum würde die Akzeptanz eines von einem ausländischen Staat geschützten politischen und sicherheitspolitischen Gebildes als Präzedenzfall betrachten, der ihre Haltung zur kurdischen Frage und zur territorialen Einheit Syriens unmittelbar berührt.

Der israelische Wille allein reicht daher nicht aus, um al-Hijris Projekt tragfähig zu machen. Es müsste ein breites Netz regionaler Einwände überwinden, die trotz aller Gegensätze zwischen den beteiligten Staaten in einem Punkt zusammenlaufen: Syrien soll nicht in von außen geschützte Enklaven zerfallen.

SDF und al-Hijri: Eine Ähnlichkeit, die einen Unterschied verdeckt

Die SDF verfügte über Ressourcen, Erdöl, große Gebiete, Institutionen und ein direktes amerikanisches Bündnis und hörte dennoch als eigenständige militärische Kraft auf zu existieren. Suweida ist kleiner, wirtschaftlich schwächer und besitzt keinen unabhängigen Zugang zur Außenwelt. Al-Hijri verfügt allerdings über eine andere Karte: Israel ist ein Nachbarstaat, der Südsyriens Entwicklung als Teil seines unmittelbaren Sicherheitsumfelds betrachtet und in dem eine drusische Gemeinschaft lebt, die politischen Druck auf die Regierung ausüben kann.

Israelischer Schutz könnte deshalb eher zu einem direkten militärischen Eingreifen bereit sein als der amerikanische Schutz, den die SDF genoss. Das bedeutet jedoch nicht, dass Israel eher bereit wäre, einen Staat aufzubauen. Genau darin liegt der Unterschied zwischen Abschreckung und Nachhaltigkeit: Eine Luftwaffe kann eine Armee daran hindern, in Suweida einzurücken; sie kann für die Provinz aber nicht allein eine tragfähige Wirtschaft schaffen.

Drei Wetten, ein Kreislauf der Angst

Es handelt sich um Wetten politischer Führungen und Kräfte, nicht um die Wetten der Gemeinschaften, die sie zu vertreten beanspruchen. Die SDF-Führung setzte darauf, dass die amerikanische Partnerschaft ihr eine dauerhafte Stellung sichern würde. Al-Hijri setzt darauf, dass israelischer Schutz zu einer Garantie für Selbstbestimmung und vielleicht Unabhängigkeit werden kann. Ahmed al-Sharaa wiederum setzt darauf, dass die Wiederherstellung des staatlichen Monopols über Waffen, Souveränität und das politische Zentrum ausreichen wird, um Syrien wieder zu vereinen.

Die kurdische Erfahrung mag die Grenzen der ersten Wette offengelegt haben, und die kommenden Jahre könnten die Grenzen der zweiten zeigen. Doch auch der Erfolg der dritten ist keineswegs garantiert. Die Kontrolle über Territorium zurückzugewinnen ist nicht dasselbe, wie einen Staat wiederaufzubauen.

Hier schließt sich der Kreislauf der Angst: Lokale Gemeinschaften fürchten das Zentrum und suchen Schutz von außen; das Zentrum betrachtet ihre ausländischen Beziehungen als Bedrohung des Staates und reagiert mit größerer Härte; diese Härte vertieft wiederum die lokalen Ängste und verstärkt die Abhängigkeit von ausländischen Verbündeten. Anschließend führt jede Seite das Verhalten der anderen als Beweis für die Richtigkeit der eigenen Erzählung an.

Die Verantwortung beginnt in Damaskus

Die Verantwortung gleichmäßig auf alle Seiten zu verteilen, wäre weder gerecht noch analytisch präzise. Die Macht, die beansprucht, den Staat zu verkörpern, trägt die größere Verantwortung, weil sie Institutionen und Zwangsmittel kontrolliert und von allen verlangt, sich ihrer Souveränität zu unterwerfen. Ein Staat hat das Recht, seine militärischen und souveränen Institutionen zu vereinheitlichen; doch das Gewaltmonopol kann einen politischen Gesellschaftsvertrag nicht ersetzen.

Ein Staat, der von den Kurden verlangt, auf die amerikanische Garantie zu verzichten, und von den Drusen, israelischen Schutz aufzugeben, muss eine stärkere Garantie anbieten als beide: den Rechtsstaat. Das bedeutet echte Rechenschaft für die Massaker und Übergriffe an der Küste, in Suweida und anderswo; keinen Schutz für Täter; tatsächliche politische Repräsentation; verfassungsrechtliche Garantien; weitreichende lokale Selbstverwaltung innerhalb der Einheit des Landes; und Sicherheitsinstitutionen, die der Bürger als Schutz erlebt und nicht als Instrument einer anderen Gemeinschaft, die über ihn herrscht.

Ohne dies kann die SDF als Organisation aufgelöst und al-Hijris Projekt eingedämmt werden – das Problem, das beide hervorgebracht hat, wird jedoch bestehen bleiben.

Suweida nach der SDF

Vielleicht wäre die gefährlichste Schlussfolgerung, die Damaskus aus dem Ende der SDF ziehen könnte, dass Gewalt allein funktioniert habe. Und vielleicht wäre die gefährlichste Schlussfolgerung, die al-Hijri aus dem israelischen Eingreifen ziehen könnte, dass Israel ihm bis zum Ende folgen werde. Beide Lehren könnten falsch sein.

Was mit der SDF geschehen ist, zeigt die Grenzen einer externen Garantie; es beweist nicht, dass Zentralisierung die Lösung ist. Was in Suweida geschehen ist, zeigt, dass Israel unter bestimmten Umständen eingreifen kann, um seine Interessen und die Drusen zu schützen; es beweist nicht, dass Israel bereit ist, auf unbegrenzte Zeit Verantwortung für die Zukunft Suweidas zu übernehmen.

Die Einheit Syriens besteht nicht nur aus Linien auf einer Landkarte, und Souveränität entsteht nicht allein dadurch, dass über allen Institutionen dieselbe Flagge weht. Ein geeinter Staat wird dann lebensfähig, wenn die Menschen in Suweida Damaskus als ihre Hauptstadt und nicht als Bedrohung empfinden; wenn Kurden das Gefühl haben, dass ihre Rechte keinen amerikanischen Soldaten zu ihrem Schutz benötigen; und wenn kein Syrer eine ausländische Macht braucht, um ihn vor dem eigenen Staat oder den eigenen Mitbürgern zu schützen.

Die Machthaber mögen in der Lage sein, parallele Projekte eines nach dem anderen zu besiegen. Doch die eigentliche Prüfung für das neue Syrien besteht nicht darin, wie viele Kräfte Damaskus unterwerfen kann, sondern wie viele Syrer es davon überzeugen kann, dass ihre Zukunft innerhalb des Staates sicherer und besser ist als außerhalb.

Genau darin liegt der Unterschied zwischen der Wiederherstellung des Staates und dem Aufbau eines Staates.