
Alaa Alkhatib
04 September 2026
Ursprünglich veröffentlicht auf der Website der Syrischen Verfassungspartei
Der Sturz des Assad-Regimes bot den Syrerinnen und Syrern eine seltene Chance, sich nicht nur von einem autoritären politischen System zu lösen, sondern auch von dem schweren gesellschaftlichen und psychologischen Erbe, das Jahrzehnte der Diktatur und vierzehn Jahre Krieg hinterlassen haben. Die vielleicht größte Gefahr aber zeigt sich weder in Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt noch auf Karten der Zerstörung: die tiefen vertikalen Bruchlinien innerhalb der syrischen Gesellschaft selbst – zwischen Sunniten und Alawiten, Arabern und Kurden, Zentrum und Peripherie, Islamisten und Säkularen, Siegern und jenen, die sich vor den Siegern fürchten.
In einer Gesellschaft, die aus einer Tragödie hervorgeht – mit einem zerrütteten Staat, geschwächten Institutionen und verzerrten Begriffen und Wertvorstellungen –, ist Medienarbeit weder Luxus noch bloße Nachrichtenvermittlung. Sie ist Teil des Wiederaufbaus des Staates selbst. Wiederaufbau bedeutet nicht nur, Institutionen instand zu setzen und Gesetze zu erlassen. Er bedeutet auch, das Verständnis von Staat, Rechtsstaatlichkeit, Bürgerschaft und Menschenrechten neu aufzubauen und eine politische und gesellschaftliche Kultur zu entwickeln, die einen modernen Staat tragen kann. Neben der Bildung werden die Medien damit zu einem der wichtigsten Instrumente beim Wiederaufbau dieses Bewusstseins.
In Syrien ist diese Aufgabe besonders schwierig, weil Jahre der Diktatur und des Krieges eine tiefe konfessionelle, ethnische, politische und regionale Zersplitterung hinterlassen haben. Gerade deshalb hätte es Aufgabe der Medien sein müssen, Hassdiskurse aufzubrechen, den Syrern zu helfen, die Ängste der jeweils anderen zu verstehen, und sie von der Frage „Wer hat gewonnen?“ zu der weitaus schwierigeren Frage zu führen: Wie wollen wir miteinander leben? Doch in wesentlichen Bereichen geschah genau das Gegenteil. Die Übergangsmacht nutzte die gesellschaftlichen Brüche und konkurrierenden Opfererzählungen weiterhin, um ihre eigene Macht zu festigen.
Medien der Macht: Vom Aufbau eines Gesellschaftsvertrags zur Verwaltung der Spaltung
Die neue Führung unter Ahmed al-Scharaa verstand früh die Bedeutung von Bildern und öffentlicher Inszenierung. Ihre kommunikative Stärke zeigt sich besonders deutlich in der Botschaft nach außen: das Bild eines Staatsmannes, internationale Treffen, die Sprache von Stabilität und Investitionen. Das Problem liegt nicht darin, sondern in der Kluft zwischen der Kommunikation nach außen und dem Diskurs im Inneren.
Ausgerechnet in einem Land, das mehr denn je eine Sprache braucht, die seine unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen beruhigt und einbindet, verbreitete sich ein politischer und medialer Diskurs, der Syrer erneut in Sieger und Besiegte, Patrioten und „Überbleibsel“ des alten Regimes einteilt. Der Sturz Assads wird dabei mitunter nicht als Befreiung der Syrer dargestellt, sondern als Rückgewinnung eines vermeintlichen Herrschaftsrechts durch eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe.
Begriffe wie „Allianz der Minderheiten“ sind in diesem Zusammenhang gefährlicher als bloße sprachliche Entgleisungen. Sie transportieren eine Vorstellung vom Staat als Beute einer siegreichen Gruppe und nicht als Vertrag zwischen gleichberechtigten Bürgern. Noch problematischer wird dies, wenn eine solche Sprache von Personen aus dem Umfeld der Macht verwendet wird, etwa von Hassan al-Dughaim, der öffentlich konfessionelle Machtquoten ablehnt und zugleich wiederholt den Begriff einer „Allianz der Minderheiten“ verwendet.
Gerade dieser Widerspruch ist entscheidend. Das Problem besteht nicht nur in der offiziell verkündeten Position, sondern in einem diskursiven Umfeld, in dem konfessionelle Botschaften neben der Rhetorik nationaler Einheit weiterleben können. Ein modernes Fernsehstudio genügt nicht, wenn die politischen Inhalte weiterhin stark von identitären Reflexen geprägt sind.
Wenn „alternative Medien“ zu einer parallelen Armee werden
Noch problematischer ist, dass die Einflussmaschinerie nicht bei den offiziellen Medien endet. Die Bedeutung von „Medien“ selbst hat sich verändert. Ein syrischer Influencer mit Hunderttausenden Followern kann in einer Krisensituation größeren Einfluss entfalten als ein ganzer Fernsehsender. Algorithmen belohnen nicht die präziseste Information, sondern jene Inhalte, die das Publikum möglichst lange vor dem Bildschirm halten. So verbreitet sich ein Gerücht schneller als seine Richtigstellung, und ein aus dem Zusammenhang gerissenes Video kann stärker wirken als eine sorgfältige Recherche.
Deshalb darf der Fall eines Videos, das einem drusischen Scheich zugeschrieben wurde und in dem dieser angeblich den Propheten beleidigt, ebenso wenig wie die Vorwürfe einer Fälschung lediglich als vorübergehender Skandal in den sozialen Medien betrachtet werden. Er verweist auf eine breitere Praxis, die von der Macht mitunter geduldet oder sogar aufgewertet wird. Anas al-Habra, der das Video verbreitete, wurde vom Kulturminister selbst auf einer Konferenz zu einem „Verhaltenskodex“ willkommen geheißen – einer Veranstaltung, die ursprünglich der Bekämpfung von Hassrede dienen sollte.
Das Problem besteht nicht darin, ob prominente Stimmen mit konfessioneller oder nationalistischer Rhetorik, etwa Mousa al-Omar und Ahmad Kamel, sich äußern dürfen. Es beginnt dort, wo staatlich verbundene Institutionen Hetzern eine Bühne geben, ohne zugleich über eine klare Politik gegen Hetze selbst zu verfügen. Ein demokratischer Staat bekämpft Hassrede weder mit Gegenhass noch dadurch, dass er jene Agitatoren auswählt, deren Identität oder Botschaft gerade zur eigenen politischen Linie passt.
Freier als unter Assad – aber noch keine freien Medien
Es wäre ungerecht zu bestreiten, dass die Medienlandschaft heute erheblich freier ist als unter Assad. Im Pressefreiheitsindex 2026 von Reporter ohne Grenzen stieg Syrien um 36 Plätze – von Rang 177 auf Rang 141. Dennoch bewertet die Organisation die Lage der Presse weiterhin als „sehr ernst“ und bezeichnet die neu gewonnene Freiheit als fragil.
Diese Unterscheidung ist wichtig, damit Kritik an der heutigen Macht nicht in einen falschen Vergleich mit der Vergangenheit mündet: Der Ausstieg aus Assads Mediensystem darf nicht der Maßstab sein, an dem die Medien des neuen Syriens gemessen werden. Im Januar 2026 dokumentierte das Committee to Protect Journalists die Festnahme von drei Journalisten und Einschränkungen unabhängiger Berichterstattung in den Aleppiner Vierteln Scheich Maksud und Aschrafieh. Die gezielte Zulassung bestimmter Journalisten wertete die Organisation als Versuch, die Kontrolle über die Erzählung zu behalten. Im März untersagte das Informationsministerium den Plattformen Hashtag, Jusoor News und Al-Dalil unter Verweis auf Lizenzfragen die Arbeit – ein anschauliches Beispiel für die Macht, die eine Medienbürokratie inzwischen darüber besitzt, wer arbeiten darf und wer nicht.
Das Problem ist nicht, dass jede Regulierung der Medien Repression wäre; direkte Aufstachelung ist keine Pressefreiheit. Entscheidend ist vielmehr: Wer legt die Grenzen fest? Auf Grundlage welchen Gesetzes? Unter Kontrolle welcher unabhängigen Justiz? Und gelten dieselben Regeln für Unterstützer wie für Gegner? Ohne solche Garantien wandert die Zensur lediglich vom Sicherheitsbeamten zum Lizenzbeamten.
Auch die Opposition hat die Schlacht um die Bildschirme verloren
Doch die gesamte Verantwortung der Macht zuzuschreiben, wäre ebenfalls zu kurz gegriffen. Gegenüber einer starken, regierungsnahen Medienmaschinerie ist es keiner organisierten politischen Opposition gelungen, einen überzeugenden nationalen Gegenentwurf aufzubauen. Schlimmer noch: Einige der sichtbarsten oppositionellen Stimmen bieten keine nationale Alternative, sondern eine umgekehrte Form konfessioneller Zuschreibung – einen Diskurs, der sunnitische Araber als islamistischen Block und als natürliche Brutstätte des Extremismus behandelt und andere Gemeinschaften ebenso pauschal auf Gegenidentitäten reduziert.
Nicht weniger gefährlich ist die ethnisch-nationale Bruchlinie. „Kleine Medien“ – unabhängige Seiten, Kanäle und Einzelpersonen mit erheblicher digitaler Reichweite – sind zu einem Feld gegenseitiger Mobilisierung zwischen arabischen und kurdischen Narrativen geworden. Ein ausgrenzender arabischer Diskurs reduziert kurdische Rechte auf „separatistische Projekte“, während ein kurdischer Diskurs historische Benachteiligung dazu nutzen kann, Übergriffe vor Ort zu legitimieren und Araber pauschal als Brutstätte des Extremismus darzustellen.
Diese Spaltung bedroht nicht nur den gesellschaftlichen Frieden in Kontaktzonen wie Hasaka und Deir ez-Zor. Sie stellt die Syrer vor zwei gleichermaßen bittere Alternativen: einen ausgrenzenden zentralistischen Nationalismus oder einen konfessionell-ethnischen Föderalismus, dem der Gedanke der Bürgerschaft entzogen wurde. So stehen die Syrer vor zwei verzerrten Spiegeln: Der eine sagt ihnen, die Minderheiten verschwörten sich gegen die Mehrheit; der andere suggeriert, die Mehrheit selbst sei das Problem. Beide zerstören dieselbe Idee: die Bürgerschaft.
Die Schlacht, die noch nicht begonnen hat
Syrien braucht keine „neutralen Medien“ in einem naiven Sinne. Es gibt keine Medien ohne redaktionelle Entscheidungen und keinen Journalisten ohne Werte. Was Syrien braucht, sind Medien, die auf der Seite des Staates und nicht der jeweiligen Machthaber stehen, auf der Seite des Bürgers und nicht der Konfession – und auf der Seite der Wahrheit, selbst wenn sie Sieger wie Besiegte gleichermaßen stört.
Syrien leidet nicht unter einem Mangel an Narrativen; es hat einen Überschuss davon. Was fehlt, ist eine öffentliche Sphäre, in der Syrer unterschiedlicher Meinung sein können, ohne dass der Andersdenkende zum existenziellen Feind wird – ein Raum, der dabei hilft, ein gemeinsames gesellschaftliches Verständnis von Staat, Bürgerschaft und Zusammenleben aufzubauen.
Die größte Verantwortung liegt bei der Macht. Nicht weil sie allein Hassrede produziert oder zur Vertiefung gesellschaftlicher Spaltungen und zur Verzerrung der Begriffe Staat und Bürgerschaft beiträgt, sondern weil nur sie über die Institutionen des Staates, die regulatorischen Instrumente und die Möglichkeit verfügt, eine langfristige nationale Politik zu entwickeln.
Der Sturz Assads hätte der Beginn eines Wiederaufbaus des syrischen Nationalbewusstseins und eines Abbaus jener Bruchlinien sein können, die sein Regime genährt und vertieft hatte. Diese Brüche zur Festigung der eigenen Macht zu nutzen, mag kurzfristige Vorteile bringen, riskiert aber, Syrien als noch fragileren Staat zurückzulassen. Die Machthaber können die Schlacht um die Deutungshoheit eine Zeit lang gewinnen. Doch ein Staat lässt sich nicht aus Bürgern aufbauen, die voreinander Angst haben.








