
Alaa Alkhatib
14.04.2026
Inmitten einer der heftigsten Konfrontationen, die die Region seit Langem erlebt hat, und angesichts immer intensiverer Angriffe auf verschiedene Ebenen der iranischen Führung drängte sich erneut eine alte Frage auf: Steht das iranische Regime kurz vor dem Zusammenbruch?
Doch tatsächlich geschah das Gegenteil. Obwohl Persönlichkeiten aus der ersten, zweiten und sogar dritten Führungsebene ins Visier genommen wurden, zerfiel das System nicht. Ebenso wenig zeigte es jene Orientierungslosigkeit, die man von einem traditionell pyramidal aufgebauten Herrschaftssystem erwarten würde, das durch einen einzigen gezielten Schlag zu Fall gebracht werden könnte.
Dieses Paradox zwingt dazu, die eigentliche Natur des iranischen Regimes neu zu betrachten. Die Islamische Republik Iran ist weder lediglich ein religiöses Herrschaftssystem, das auf dem Prinzip der Wilayat al-Faqih – der Herrschaft des islamischen Rechtsgelehrten – beruht, noch ein Nationalstaat im klassischen Sinne und ebenso wenig eine konventionelle politische Republik.
Vielmehr handelt es sich um eine hybride Ordnung, die sich seit 1979 an der Schnittstelle von Religion, Politik, Sicherheitsapparat und Wirtschaft herausgebildet hat. Sie entwickelte sich in einem außerordentlich turbulenten regionalen und internationalen Umfeld – und erreichte dabei einen Grad an Komplexität, der es unmöglich macht, ihr Verhalten und ihre Widerstandsfähigkeit anhand eines einzigen, einfachen Erklärungsmodells zu verstehen.
Innerhalb dieser Ordnung dient Religion nicht nur als spiritueller Bezugspunkt, sondern zugleich als Instrument zur Erzeugung politischer Legitimität. Die politischen Institutionen wiederum funktionieren weniger als Mechanismen freier Repräsentation denn als Instrumente zur inneren Organisation und Verteilung von Macht.
Gleichzeitig ruht der iranische Staat – trotz des transnationalen islamischen Diskurses, der die Revolution von Beginn an begleitete – auf einer tieferen und komplexeren Identität: einer umfassenden iranischen Identität, die deutlich erkennbare historische und kulturelle Schichten persischen Ursprungs in sich trägt, ohne sich jemals vollständig in einen offen erklärten Nationalismus zu verwandeln.
Gerade dieses Zusammenspiel von Islam als Ideologie, Iran als übergeordnetem identitärem Rahmen und Persien als kultureller Tiefenschicht verleiht dem Regime seine besondere Fähigkeit, sich auch unter Krisenbedingungen immer wieder selbst zu reproduzieren.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, weshalb das Regime trotz der gegen seine Führung gerichteten Angriffe weiterbesteht. Entscheidend ist vielmehr, wie dieses System von Anfang an so konstruiert wurde, dass es Schocks absorbieren kann.
Wie entwickelte sich die Wilayat al-Faqih von einer revolutionären Idee zu einem Knotenpunkt innerhalb eines komplexen Netzes verschiedener Machtzentren? Welche Funktion erfüllen Wahlen in diesem System – und wo liegen ihre Grenzen? Wie entstand seine Legitimität im Spannungsfeld von Religion, Revolution und äußerer Bedrohung? Warum beruhen Irans regionale Beziehungen gleichermaßen auf Konfrontation und Pragmatismus?
Und schließlich: Wie kann ein Regime, dessen Führung auf mehreren Ebenen angegriffen wird, weiterbestehen, ohne zusammenzubrechen?
Diese Fragen führen nicht lediglich zu einer historischen Betrachtung. Sie sind vielmehr der Versuch, die innere Logik eines Systems zu verstehen, das von außen widersprüchlich erscheinen mag, intern jedoch auf einem präzisen Gleichgewicht verschiedener Elemente beruht.
Seine Beständigkeit ist daher nicht bloß das Ergebnis politischen Zufalls – sie ist ein Produkt seiner Struktur.
Von der Revolution zum Staat: Die Entstehung eines unkonventionellen Regimes
Die iranische Revolution von 1979 war weit mehr als ein Ereignis, das eine Monarchie stürzte und durch eine religiöse Herrschaft ersetzte. Sie markierte einen Moment, in dem die Vorstellung vom Staat im Iran grundlegend neu definiert wurde.
Der Sturz des Schahs hinterließ nicht lediglich ein politisches Vakuum. Er legte vielmehr eine tiefergehende Krise offen: die Frage nach der Quelle politischer Legitimität, den Grenzen staatlicher Autorität und dem Verhältnis zwischen Gesellschaft und Staat.
In diesem Kontext präsentierte Ruhollah Khomeini die Religion nicht bloß als moralisches Wertesystem. Er verstand sie als politisches Ordnungsmodell, das in der Lage sein sollte, das entstandene Machtvakuum zu füllen und Herrschaft in einer neuen Form zu begründen.
Hier gewann die Theorie der Wilayat al-Faqih, wie Khomeini sie in seinem Werk Der islamische Staat (Hokumat-e Islami) formulierte, ihre zentrale Bedeutung. Sie stellte keine bloße Fortführung traditioneller schiitischer Rechtslehre dar, sondern eine grundlegende Transformation: Der islamische Rechtsgelehrte sollte nicht länger lediglich beratend wirken, sondern selbst unmittelbare politische Herrschaft ausüben.
Diese ideologische Verschiebung war jedoch nicht der einzige Faktor, der das neue System prägte. Zwei weitere Entwicklungen erwiesen sich als entscheidend: der innere Machtkampf und der äußere Krieg.
Die iranische Revolution war innenpolitisch keineswegs ausschließlich eine islamistische Bewegung. An ihr beteiligten sich Nationalisten, Linke, Liberale und Islamisten. Mit dem Zusammenbruch des Schah-Regimes verwandelte sich diese Vielfalt jedoch zunehmend in einen Kampf um die Gestalt des neuen Staates.
Im Verlauf dieses Machtkampfes gelang es der khomeinistischen Strömung schrittweise, konkurrierende Kräfte auszuschließen. Dabei ging es nicht allein um die Konsolidierung der eigenen Macht. Zugleich verfestigte sich eine grundlegende Überzeugung: Das Überleben des neuen Systems erforderte die Konzentration der religiösen Autorität über die politische Macht – während gleichzeitig eine institutionelle und republikanische Fassade erhalten blieb, die dem System politische Formen verlieh, ohne seinen eigentlichen Kern infrage zu stellen.
Auch die Entwicklung von Khomeinis politischem Denken lässt sich nicht vom allgemeinen Aufstieg des politischen Islam in der muslimischen Welt jener Zeit trennen. Die Schriften von Denkern wie Sayyid Qutb wurden im Iran verbreitet und übersetzt und trugen zur Herausbildung eines revolutionären Diskurses bei, der sich gegen westliche Hegemonie richtete und politische Herrschaft aus islamischer Perspektive neu definieren wollte.
Khomeinis Projekt war jedoch keine bloße Übertragung sunnitisch-islamistischer Bewegungen auf den Iran. Vielmehr entwickelte er innerhalb des schiitischen Kontextes ein eigenständiges Modell, in dem die politische Autorität unmittelbar auf den Rechtsgelehrten übertragen wurde, anstatt lediglich zu versuchen, von außen Einfluss auf den Staat auszuüben.
Der zweite entscheidende Faktor war der Iran-Irak-Krieg von 1980 bis 1988. Er spielte eine zentrale Rolle bei der endgültigen Formung des neuen Regimes.
Dieser Krieg war nicht nur eine militärische Auseinandersetzung. Er wurde zu einem Gründungsmoment des neuen Staates und festigte innerhalb seiner Führung die Überzeugung, dass das Überleben nicht allein durch religiöse Legitimität gesichert werden konnte. Notwendig waren ebenso eigenständige und zuverlässig loyale Machtinstrumente.
In diesem Zusammenhang wurden die Sicherheits- und Militärinstitutionen massiv ausgebaut – allen voran die Islamischen Revolutionsgarden (IRGC). Sie wurden nicht als Streitkraft konzipiert, die lediglich dem Staat verpflichtet war, sondern als Institution, deren zentrale Aufgabe im Schutz des revolutionären Systems selbst bestand.
Parallel dazu wurde die aus der Schah-Zeit übernommene traditionelle Militärstruktur geschwächt. Zahlreiche erfahrene Offiziere wurden entlassen, während neue Institutionen entstanden, deren Loyalität stärker an die Revolution und ihre Ideologie gebunden war.
So entstand die Islamische Republik weder als rein religiöse Ordnung noch als klassischer Nationalstaat. Sie entwickelte sich vielmehr zu einem komplexen Gebilde, in dem Revolution und Staat, Ideologie und Institution, religiöse Legitimität und die praktischen Anforderungen des Regierens miteinander verschmolzen.
Das iranische Regime entstand nicht aus einer einzigen Idee. Es war das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels von religiöser Theorie, innenpolitischem Machtkampf, einer vielschichtigen Gesellschaft und den bitteren Erfahrungen eines langen Krieges.
Über Jahrzehnte sammelte das System Erfahrungen aus inneren wie äußeren Krisen und passte seine Strukturen entsprechend an.
Das Ergebnis war eine doppelte Machtordnung: religiös in ihrer Legitimation, sicherheitsstaatlich in ihren Instrumenten und politisch in ihrer äußeren Form.
Damit hörte das Regime auf, lediglich ein Produkt der Revolution zu sein.
Es wurde zu einem integrierten System, das nicht nur darauf ausgelegt war, zu regieren – sondern zu überleben.
Die vernetzte Struktur der iranischen Machtpyramide
Betrachtet man das iranische Regime von außen, erscheint es zunächst wie eine klassische Pyramide, an deren Spitze der Oberste Führer steht. Formal ist dieses Bild nicht falsch. Es verdeckt jedoch eine wesentlich komplexere Struktur unterhalb dieser Spitze.
Die Islamische Republik wurde nicht als einfaches zentralisiertes System geschaffen, das durch die Ausschaltung seiner Führung zum Einsturz gebracht werden könnte. Sie funktioniert vielmehr als dezentrales System miteinander verflochtener Machtzentren, in dem sich Zuständigkeiten überschneiden und Macht fortlaufend neu verteilt wird.
An der Spitze steht das Amt des Obersten Führers, das religiöse Legitimität und politische Autorität miteinander verbindet und bei zentralen Fragen über die letzte Entscheidungsgewalt verfügt.
Doch diese Spitze existiert nicht im luftleeren Raum. Ihre Autorität wird auch nicht über eine klassische hierarchische Befehlskette nach unten übertragen. Sie wirkt vielmehr durch ein eng verflochtenes Netz von Institutionen, die nicht nur den Staat verwalten, sondern jeweils ihren eigenen Beitrag zur Stabilisierung des Regimes leisten.
Auf politischer Ebene existieren Institutionen, die zunächst denen eines modernen Staates ähneln: ein gewählter Präsident, ein Parlament und eine Regierung.
Diese Institutionen bewegen sich jedoch innerhalb vorab definierter Grenzen. Ihre Entscheidungen unterliegen der Kontrolle übergeordneter Organe – insbesondere des Wächterrats, der darüber entscheidet, wer überhaupt zu Wahlen antreten darf. Damit beeinflusst er die Ergebnisse des politischen Prozesses bereits, bevor dieser begonnen hat.
Daneben bestehen weitere Institutionen wie der Schlichtungsrat, dessen Aufgabe unter anderem darin besteht, Konflikte innerhalb des Systems zu lösen.
Darin zeigt sich ein wesentliches Merkmal der iranischen Ordnung: Sie versucht nicht, jede Form institutioneller Vielfalt zu beseitigen. Stattdessen organisiert und kontrolliert sie diese Vielfalt.
Dieser begrenzte Pluralismus schafft interne Gleichgewichte. Er verhindert einerseits, dass sich sämtliche Macht vollständig in einer einzigen Hand konzentriert, lässt andererseits aber auch keinen wirklichen politischen Gegenentwurf außerhalb des Systems entstehen.
Die entscheidende Dimension dieses Netzwerks liegt jedoch im Sicherheits- und Militärapparat – allen voran bei den Revolutionsgarden.
Der IRGC ist weit mehr als eine militärische Organisation. Er gehört zu den tragenden Säulen des Regimes und vereint militärische, sicherheitspolitische, nachrichtendienstliche, wirtschaftliche und teilweise sogar gesellschaftliche Funktionen.
Im Gegensatz zu einer klassischen Armee ist er organisch mit der Ideologie des Systems verbunden. Seine Funktion besteht daher nicht allein in der Verteidigung des Staates, sondern ebenso in der Sicherung des Fortbestands des Regimes.
Aus dieser Überlagerung politischer, religiöser und sicherheitsstaatlicher Institutionen entsteht etwas, das man als „Staat im Staate“ bezeichnen könnte – präziser jedoch als einen mehrschichtigen Staat.
Keine einzelne Institution kontrolliert alles. Stattdessen existieren mehrere Machtzentren nebeneinander, die sich gegenseitig beobachten, begrenzen und ergänzen – und sich letztlich in einem gemeinsamen Ziel treffen: dem Überleben des Systems.
Auch die Wirtschaft spielt bei der Stabilisierung dieser Struktur eine zentrale Rolle.
Ein erheblicher Teil der iranischen Wirtschaft folgt weder der Logik eines freien Marktes noch jener einer klassischen staatlich kontrollierten Wirtschaft. Stattdessen wird er von halböffentlichen Netzwerken geprägt – darunter religiös-karitative Stiftungen, die sogenannten Bonyads, sowie Unternehmen, die mit den Revolutionsgarden verbunden sind.
Dadurch entsteht eine breite Schicht wirtschaftlicher Interessen, deren materielles Wohlergehen unmittelbar an den Fortbestand des Regimes gekoppelt ist.
Stabilität wird damit nicht nur zu einer politischen Frage, sondern zu einem materiellen Interesse weitreichender Netzwerke innerhalb von Staat und Gesellschaft.
Das iranische System nutzt begrenzten Pluralismus somit als Instrument des Überlebens. Konflikte innerhalb der Machtstruktur werden nicht verhindert, sondern institutionell eingehegt. Eliten, Interessen und Krisen zirkulieren innerhalb des Systems, anstatt aus ihm herauszubrechen.
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, weshalb selbst die gezielte Ausschaltung von Führungspersonen auf mehreren Ebenen nicht zwangsläufig einen Zusammenbruch auslöst.
Jedes Machtzentrum verfügt über ein gewisses Maß an Eigenständigkeit und institutioneller Kontinuität. Gleichzeitig sind alle Zentren so miteinander verbunden, dass der Zusammenbruch eines einzelnen Elements für die übrigen eher eine gemeinsame Bedrohung als eine Gelegenheit zum inneren Machtkampf darstellt.
Das iranische Regime ist daher keine klassische Pyramide mehr, die durch einen einzigen Schlag zum Einsturz gebracht werden kann.
Es gleicht vielmehr einem Netzwerk, in dem Macht so verteilt ist, dass das System Schocks absorbieren kann.
Das eigentliche Problem liegt nicht allein in der Stärke des Kopfes – sondern in der Beschaffenheit des Körpers, der ihn trägt.
Regulierte Demokratie: Warum gibt es überhaupt Wahlen?
Auf den ersten Blick scheinen Wahlen ein zentraler Bestandteil der politischen Ordnung Irans zu sein: ein gewählter Präsident, ein gewähltes Parlament, offiziell veröffentlichte Wahlbeteiligungszahlen und miteinander konkurrierende Wahlkampagnen.
Dieses Bild vermittelt zunächst den Eindruck eines demokratischen Systems, das auf Mechanismen politischer Repräsentation beruht. Doch dieser Eindruck relativiert sich schnell, sobald man den institutionellen Rahmen betrachtet, innerhalb dessen diese Wahlen tatsächlich stattfinden.
Im Iran dienen Wahlen nicht dazu, das politische System zu verändern, sondern dazu, es zu organisieren.
Von Beginn an unterliegt der Wahlprozess der Kontrolle des Wächterrats. Dieser verfügt über die entscheidende Befugnis festzulegen, wer überhaupt als Kandidat antreten darf. Damit werden die Grenzen des politischen Wettbewerbs bereits gezogen, bevor die eigentliche Wahl beginnt.
Wahlen sind folglich kein völlig offener politischer Raum, sondern ein begrenztes Wettbewerbsfeld zwischen Strömungen, die – wenn auch in unterschiedlichem Maße – alle innerhalb des bestehenden Systems angesiedelt sind.
Der Wächterrat übernimmt dabei eine Art präventive Filterfunktion. Die möglichen Ergebnisse werden nicht einfach dem politischen Wettbewerb überlassen; vielmehr findet eine Form institutioneller „politischer Vorauswahl“ statt, die sicherstellen soll, dass auch der Sieger letztlich mit den grundlegenden Strukturen des Systems vereinbar bleibt.
Das bedeutet jedoch keineswegs, dass Wahlen völlig bedeutungslos oder lediglich symbolischer Natur wären. Im Gegenteil: Innerhalb des iranischen Systems erfüllen sie mehrere wichtige Funktionen.
Erstens verschaffen sie dem Regime in regelmäßigen Abständen eine Form politischer Legitimität, die sowohl nach innen als auch nach außen genutzt werden kann, um gesellschaftliche Unterstützung und institutionelle Kontinuität zu demonstrieren.
Zweitens ermöglichen sie einen gewissen Wettbewerb innerhalb der herrschenden Elite. Dadurch können Machtpositionen neu verteilt und Spannungen zwischen unterschiedlichen Machtzentren abgebaut werden.
Drittens dienen Wahlen als Instrument zur Aufnahme gesellschaftlicher Spannungen. Teile der Bevölkerung erhalten dadurch einen begrenzten Raum politischer Artikulation – auch wenn die Grenzen dieses Raumes im Voraus festgelegt sind.
Das System ermöglicht somit verschiedenen Strömungen – Reformern, Konservativen und Hardlinern –, miteinander über die Verwaltung des Systems, nicht aber über dessen Souveränität und grundlegende Ordnung zu konkurrieren.
Dieser kontrollierte Wettbewerb verhindert eine vollständige institutionelle Erstarrung. Er ermöglicht es, politische und administrative Eliten regelmäßig auszutauschen und damit den bürokratischen Apparat des Staates zu erneuern.
Politik wird im Iran in diesem Sinne nicht abgeschafft, sondern neu definiert.
Der politische Konflikt dreht sich nicht um die Existenz oder Legitimität des Systems selbst, sondern darum, wie dieses System geführt wird und wie weit seine politischen Handlungsspielräume reichen.
Wahlen werden damit zu einem Instrument, diesen Konflikt zu organisieren, ohne ihn für Entwicklungen zu öffnen, die das gesamte System infrage stellen könnten.
Paradoxerweise trägt gerade diese begrenzte Form des politischen Wettbewerbs eher zur Stabilität des Regimes bei, als dass sie es schwächt. Einerseits verhindert sie durch interne Gegengewichte eine vollkommen unkontrollierte Konzentration von Macht. Andererseits erschwert sie die Entstehung einer tatsächlichen politischen Alternative außerhalb des bestehenden Systems.
Auch das, was innerhalb der iranischen Politik häufig als „Reformismus“ bezeichnet wird, lässt sich in diesem Rahmen verstehen.
Reformismus bedeutet hier nicht zwangsläufig den Versuch, das bestehende System grundsätzlich zu überwinden. Vielmehr handelt es sich um eine politische Strömung, die innerhalb seiner Grenzen agiert und versucht, bestimmte politische Entscheidungen und gesellschaftliche Spielräume neu auszuhandeln, ohne die Fundamente des Systems selbst anzutasten.
Dies erklärt, weshalb sich politische Sprache und konkrete Regierungspolitik im Iran teilweise erheblich verändern können, während die grundlegende Struktur der Macht bestehen bleibt.
In der politikwissenschaftlichen Literatur wird Iran daher nicht als liberale Demokratie eingeordnet, sondern häufig als hybrides Regime oder als Form des elektoralen Autoritarismus.
Noch präziser ließe sich von einem religiös-elitären Herrschaftssystem mit elektoralen Instrumenten sprechen: Wahlen organisieren den Wettbewerb innerhalb des Systems, anstatt einen grundlegenden Wechsel des Systems zu ermöglichen.
Der iranische Bürger entscheidet somit nicht zwischen völlig offenen politischen Alternativen, sondern zwischen Optionen, die innerhalb eines bereits festgelegten institutionellen Rahmens zugelassen wurden.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht:
Warum gibt es in einem nicht vollständig demokratischen System überhaupt Wahlen?
Sondern:
Wie können Wahlen gleichzeitig als Instrument der Kontrolle und als Mechanismus politischer Kontinuität funktionieren?
Demokratie ist in diesem System also nicht vollständig abwesend. Ihre Instrumente werden vielmehr so umgestaltet, dass sie zur Stabilisierung des Regimes beitragen, anstatt dessen Fortbestand grundsätzlich infrage zu stellen.
Legitimität: Wie lebt das Regime von Krisen?
Wenn die Struktur des iranischen Regimes erklärt, wie dieses System funktioniert, dann erklärt seine Legitimität, warum es fortbestehen kann.
Die Islamische Republik hat ihre Legitimität weder primär auf dauerhaften wirtschaftlichen Erfolg noch auf einen umfassenden politischen Konsens gegründet. Sie beruht vielmehr auf einer komplexen Verbindung verschiedener Legitimationsquellen – und insbesondere auf der Fähigkeit des Regimes, Krisen nicht als Beweis seines Scheiterns, sondern als Beleg für seine eigene Notwendigkeit umzudeuten.
Innerhalb des iranischen Systems lassen sich vier zentrale Quellen dieser Legitimität erkennen. Sie überschneiden sich und werden mit jeder neuen historischen Phase neu gewichtet.
Die erste ist die revolutionäre Legitimität.
Sie geht auf den Sturz des Schah-Regimes zurück, der bis heute als Gründungsmoment im offiziellen politischen Diskurs präsent ist. Das Regime präsentiert sich nicht lediglich als staatliche Regierung, sondern als Fortsetzung einer noch immer wirksamen Revolution.
Dadurch kann es sich teilweise den üblichen Maßstäben entziehen, anhand derer politische Systeme nach ihrer konkreten Regierungsleistung beurteilt werden. Seine Existenz wird stattdessen mit einer größeren historischen Mission verbunden.
Die zweite Quelle ist die religiöse Legitimität.
Sie beruht auf dem Prinzip der Wilayat al-Faqih, das der politischen Ordnung eine Dimension verleiht, die über gewöhnliche staatliche Autorität hinausgeht und Elemente eines religiös begründeten Mandats enthält.
Religion dient dabei nicht nur zur Rechtfertigung von Herrschaft, sondern auch dazu, deren Grenzen zu definieren. Politischer Widerstand kann dadurch unter bestimmten Umständen nicht lediglich als Opposition gegen eine Regierung erscheinen, sondern als Herausforderung des religiösen Rahmens, auf dem das System selbst beruht.
Die dritte Quelle ist eine souveränitätsbezogene beziehungsweise nationale Legitimität.
Sie basiert auf dem Narrativ des Widerstands gegen äußere Vorherrschaft, insbesondere gegenüber den Vereinigten Staaten und Israel.
Das Regime stellt sich in diesem Zusammenhang nicht nur als politische Führung dar, sondern als Verteidiger des Landes gegen äußere Bedrohungen. Dadurch kann äußerer Druck in ein Instrument innerer Mobilisierung verwandelt werden.
Gerade in Momenten äußerer Gefahr überschneiden sich dabei islamische Identität und eine umfassendere iranische Identität. Letztere kann aktiviert werden, um trotz der gesellschaftlichen und ethnischen Vielfalt des Landes den inneren Zusammenhalt zu stärken.
Die vierte – und möglicherweise wichtigste – Quelle ist die Legitimität des Durchhaltens.
Vom Krieg gegen den Irak über jahrzehntelange Sanktionen bis hin zu direkten militärischen Angriffen ist es dem Regime gelungen, bereits sein bloßes Fortbestehen als politischen Erfolg darzustellen.
Krisen untergraben seine Legitimität daher nicht zwangsläufig. Sie können vielmehr als Beweis dafür präsentiert werden, dass das System widerstandsfähig ist – und sogar als nachträgliche Bestätigung des eingeschlagenen Weges.
In diesem Sinne überlebt das iranische Regime nicht einfach trotz der Krisen.
Es lebt durch sie.
Jede neue Krise kann in ein Narrativ eingebettet werden, das äußere Bedrohung mit der Notwendigkeit innerer Geschlossenheit verbindet. Dadurch entsteht ein geschlossener Kreislauf, in dem Druck unter bestimmten Bedingungen nicht zum Faktor des Zusammenbruchs, sondern zum Instrument der Stabilisierung wird.
Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass diese Legitimität unerschütterlich wäre oder von allen Teilen der iranischen Gesellschaft akzeptiert würde.
Gerade die Spannungen zwischen den verschiedenen Legitimationsquellen sowie zwischen dem offiziellen Narrativ und den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Realitäten gehören zu den größten Herausforderungen des Regimes.
Doch seine Fähigkeit, zwischen diesen unterschiedlichen Quellen zu wechseln und ihre Bedeutung je nach Situation neu zu gewichten, verschafft ihm eine beträchtliche Flexibilität im Umgang mit Krisen.
Wie zahlreiche autoritäre Systeme hat auch das iranische Regime letztlich gelernt, das eigene Überleben selbst zum politischen Produkt zu machen.
Während in neoliberalen Systemen wirtschaftliches „Wachstum“ als zentraler Erfolgsmaßstab gilt, besteht der Erfolg eines Staatsmodells, das sein Fortbestehen zum Selbstzweck gemacht hat, zunächst darin, nicht zu fallen.
Gerade deshalb führen Sanktionen nicht automatisch zum Zusammenbruch. Sie können vielmehr jene beiden Legitimationsquellen stärken, die auf Souveränität und Widerstandsfähigkeit beruhen.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht länger, weshalb das Regime trotz des Drucks überlebt.
Sie lautet vielmehr:
Wie ist es ihm gelungen, diesen Druck selbst zu einem Bestandteil seiner Überlebenslogik zu machen?
Ein Regime, dessen Legitimität auf Stabilität beruht, kann an seiner ersten schweren Krise zerbrechen.
Ein Regime hingegen, dessen Legitimität auf Konflikt beruht, findet in der Krise seine natürliche Umgebung.
Das Äußere als innere Notwendigkeit: Warum hält die Feindschaft an?
Das regionale Verhalten Irans und die konfliktreiche Natur seiner Beziehungen zu seinem Umfeld lassen sich nicht unabhängig von der inneren Struktur des Regimes verstehen.
Im iranischen Fall ist Feindschaft nicht lediglich eine außenpolitische Entscheidung, die jederzeit revidiert werden könnte. Sie ist vielmehr zu einem strukturellen Bestandteil des Systems selbst geworden – entstanden mit der Revolution und im Laufe der Jahrzehnte so tief verankert, dass sie heute einen Teil seines politischen Funktionsmechanismus bildet.
Seit den ersten Jahren nach 1979 definierte sich die Islamische Republik nicht einfach als neuer Staat innerhalb der bestehenden internationalen Ordnung. Sie verstand sich vielmehr als revolutionäre Macht, die diese Ordnung grundsätzlich infrage stellte.
Die Besetzung der US-Botschaft in Teheran und die anschließende Geiselnahme bildeten dabei einen entscheidenden Wendepunkt. Sie waren mehr als eine diplomatische Krise.
Sie markierten den Übergang Irans vom Verbündeten zum Gegner – von einem Staat innerhalb des bestehenden internationalen Machtgefüges zu einem Staat, der einen wesentlichen Teil seiner Identität gerade aus der Opposition gegen dieses Gefüge ableitete.
Vor diesem Hintergrund war die Bezeichnung der Vereinigten Staaten als „Großer Satan“ nicht bloß Propaganda. Sie wurde Teil eines ideologischen Rahmens, innerhalb dessen Außenpolitik als Fortsetzung eines umfassenderen politischen und ideologischen Kampfes verstanden wurde.
Ähnliches gilt für das Verhältnis zu Israel. Die Gegnerschaft zu Israel entwickelte sich zu einem konstanten Bestandteil des offiziellen Diskurses – nicht ausschließlich aus geopolitischen Gründen, sondern auch als Element einer politischen Identität, die sich über Widerstand und Konfrontation definiert.
Diese Feindschaft erfüllt jedoch nicht nur eine außenpolitische Funktion.
Sie besitzt zugleich eine entscheidende innenpolitische Funktion.
Sie bietet dem Regime einen Deutungsrahmen für wirtschaftliche und politische Krisen. Belastungen können äußeren Faktoren zugeschrieben werden, wodurch ein Teil des inneren Drucks nach außen umgeleitet und gesellschaftlicher Unmut auf einen externen Gegner fokussiert werden kann.
Zugleich stärkt die Vorstellung einer permanenten äußeren Bedrohung den Zusammenhalt innerhalb der herrschenden Elite: Interne Konflikte verlieren an Gewicht, sobald die Existenz des Systems selbst als bedroht dargestellt wird.
Das bedeutet jedoch keineswegs, dass die iranische Außenpolitik ausschließlich von Ideologie bestimmt wäre.
Trotz seiner revolutionären Rhetorik hat das Regime immer wieder eine bemerkenswerte Fähigkeit zu politischem Pragmatismus bewiesen – sowohl in seinen Beziehungen zu Großmächten wie Russland und China als auch bei der Gestaltung regionaler Machtverhältnisse.
Gerade diese Verbindung von Ideologie und Interessenpolitik erhöht die Flexibilität des Systems. Sie ermöglicht es ihm, sich in einem komplexen internationalen Umfeld zu bewegen, ohne den ideologischen Kern seines offiziellen Diskurses vollständig aufzugeben.
Gleichzeitig erlaubt diese Strategie dem Iran, seinen regionalen Einfluss weit über klassische diplomatische Beziehungen hinaus auszudehnen.
Durch den Aufbau von Einflussnetzwerken in verschiedenen Staaten der Region wurde Expansion zu einem Bestandteil einer Verteidigungsstrategie, die versucht, Konflikte möglichst weit von den eigenen Grenzen entfernt auszutragen.
Iran hat seinen regionalen Einfluss gewissermaßen in ein System strategischer „Frühwarnsensoren“ verwandelt.
Die Expansion dient daher nicht ausschließlich der Verbreitung revolutionärer Ideologie. Sie schafft vielmehr eine „Infrastruktur der Konfrontation“ außerhalb des iranischen Kerngebiets und verschafft dem Regime jene strategische Tiefe, die direkte Bedrohungen seines Machtzentrums abfedern soll.
Doch dieses Bild wäre unvollständig, würde man nicht eine zweite, ebenso wichtige Dimension berücksichtigen: den Pragmatismus iranischer Politik, der häufig parallel zum ideologischen Diskurs existiert – und ihm bisweilen sogar offen widerspricht.
Besonders deutlich zeigte sich dieser Widerspruch bereits in den ersten Jahren nach der Revolution während der sogenannten Iran-Contra-Affäre.
Mitten im Krieg gegen den Irak unterhielt Iran Kommunikationskanäle und beteiligte sich an Waffengeschäften mit den Vereinigten Staaten – jenem Staat also, der offiziell als „Großer Satan“ bezeichnet wurde.
Dies war nicht bloß eine historische Ausnahme.
Es war ein früher Hinweis auf ein grundlegendes Prinzip:
Das Überleben des Regimes konnte wichtiger sein als die konsequente Einhaltung seiner eigenen Rhetorik.
Dieser Pragmatismus blieb auch nach dem Krieg bestehen und trat in der Zeit nach Khomeini unter Ali Khamenei noch deutlicher hervor.
Khamenei übernahm ein inzwischen gefestigteres System und führte dessen Außenpolitik mit größerem taktischem Spielraum weiter.
Während Ruhollah Khomeini sowohl den westlichen als auch den sowjetischen Block aus einer stark ideologisch geprägten Perspektive ablehnte, entwickelte die iranische Führung in den 1990er-Jahren pragmatischere Beziehungen zu ihrem regionalen Umfeld.
Dies zeigte sich insbesondere in Zentralasien, wo Iran religiöse, historische und kulturelle Verbindungen nutzte, um seinen Einfluss auszubauen.
Dabei scheute Teheran auch nicht davor zurück, politische Rollen zu übernehmen, die über seine revolutionäre Rhetorik hinausgingen. In bestimmten Situationen unterstützte Iran regionale Arrangements, die auf Stabilität ausgerichtet waren, während sich seine Interessen bei der Bewältigung der Krisen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion teilweise mit denen Russlands überschnitten – sowohl in Zentralasien als auch im Kaukasus und dessen weiterem Umfeld.
Dieser Wandel bedeutete nicht, dass das Regime seine Ideologie aufgegeben hätte.
Er zeigt vielmehr seine Fähigkeit, Ideologie in komplexere strategische Kalkulationen einzubetten.
Der ideologische Diskurs wird nicht aufgegeben – er wird neu interpretiert, wenn das Überleben es verlangt.
Der scheinbare Widerspruch zwischen erklärter Feindschaft und praktischem Pragmatismus ist daher nicht unbedingt eine Schwäche iranischer Außenpolitik.
Er ist Teil ihrer Struktur.
Das Regime folgt keiner einzigen, unveränderlichen Logik. Es bewegt sich vielmehr zwischen Ideologie und Interesse – und kann dadurch seine politische Identität bewahren und sich gleichzeitig an veränderte Realitäten anpassen.
Die Frage lautet deshalb nicht mehr lediglich, warum Iran an einer Außenpolitik festhält, die so stark von Konfrontation geprägt ist.
Entscheidender ist:
Wie konnte diese Konfrontation selbst zu einem Bestandteil der inneren Stabilitätslogik des Regimes werden?
Ein System, das sich wesentlich über Konflikt definiert, kann diesen Konflikt nicht ohne Weiteres aufgeben.
Denn damit würde es zugleich auf eine seiner wichtigsten Quellen innerer Kohäsion verzichten.
Die Phase der Festigung: Wie lernte das Regime aus den Revolutionen?
Das iranische Regime wurde nicht allein durch Revolution und Krieg geprägt. In den vergangenen Jahren hat es sich unter dem Eindruck jener Protest- und Umbruchwellen, die die Region erfassten – von inneriranischen Unruhen bis zu den Revolutionen des „Arabischen Frühlings“ –, noch einmal tiefgreifend verändert.
Die Ereignisse des Jahres 2009, die als „Grüne Bewegung“ bekannt wurden, markierten dabei einen entscheidenden Wendepunkt.
Sie waren weit mehr als ein Protest gegen ein Wahlergebnis. Zum ersten Mal wurde die Fähigkeit des Regimes ernsthaft auf die Probe gestellt, einer breit angelegten Herausforderung zu begegnen, die nicht von außen kam, sondern von Teilen der eigenen Gesellschaft getragen wurde.
Die Ereignisse offenbarten eine gewisse Verwundbarkeit der damaligen Machtstruktur. Gleichzeitig lösten sie innerhalb des Systems einen tiefgreifenden Lernprozess aus: Die Instrumente politischer und gesellschaftlicher Kontrolle wurden neu justiert und die Fähigkeit des Regimes, künftige Krisen einzudämmen, systematisch ausgebaut.
Mit dem Ausbruch der arabischen Revolutionen ab 2011 wurde diese Botschaft noch deutlicher: Politische Umbruchwellen konnten grundsätzlich jeden Staat erreichen – unabhängig von der jeweiligen Herrschaftsform.
Die iranische Haltung gegenüber diesen Revolutionen folgte dabei keineswegs konsequent der eigenen revolutionären Rhetorik. Vielmehr war sie von ausgeprägter Selektivität geprägt.
Während Teheran bestimmte Bewegungen unterstützte, stellte es sich entschieden hinter das syrische Regime. Dabei ging es nicht lediglich um die Verteidigung eines politischen Verbündeten. Syrien wurde vielmehr als strategische Verteidigungslinie einer regionalen Ordnung betrachtet, die Teheran zunehmend als Erweiterung der eigenen Sicherheit verstand.
Auch in anderen Schauplätzen, etwa im Jemen, baute Iran seinen Einfluss aus und nutzte jene politischen Vakuums, die durch regionale Umbrüche entstanden waren.
Darin zeigte sich ein grundlegender Wandel: Das Regime ging schrittweise von einer Politik der „Verteidigung der Revolution“ zu einer Strategie des „Managements von Einfluss“ in einem zunehmend fragmentierten regionalen Umfeld über.
Parallel zu diesen außenpolitischen Entwicklungen vollzogen sich innerhalb Irans tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen.
Eine jüngere Generation trat hervor – offener, anspruchsvoller und mit anderen Erwartungen an Gesellschaft und Politik. Besonders deutlich wurde diese Entwicklung während der Präsidentschaft Hassan Rouhanis.
Die daraus entstehende Spannung zwischen einer sich wandelnden Gesellschaft und einem auf Stabilität ausgerichteten politischen System führte jedoch nicht zur inneren Auflösung des Regimes.
Sie zwang es vielmehr dazu, seine Instrumente weiterzuentwickeln und das Verhältnis zwischen begrenzter Öffnung und politischer Kontrolle präziser auszubalancieren.
In diesem Sinne waren die vergangenen Jahre für das iranische Regime nicht nur eine Phase zunehmenden Drucks.
Sie waren zugleich eine Phase des Lernens und der institutionellen Festigung.
Das System entwickelte sich von der bloßen Reaktion zum aktiven Handeln, vom Management bereits ausgebrochener Krisen zu deren Antizipation und von einer primären Abhängigkeit von revolutionärer Legitimität hin zu einer komplexeren Ordnung, in der Sicherheitsapparat, Politik, Wirtschaft und öffentlicher Diskurs ineinandergreifen.
Daraus lässt sich eine wichtige Schlussfolgerung ziehen:
Das iranische Regime von heute ist nicht mehr dasselbe wie vor fünfzehn Jahren.
Wäre Iran bereits Mitte der 2000er-Jahre mit einem vergleichbaren Druck konfrontiert worden, hätte das Ergebnis möglicherweise anders ausgesehen.
Heute haben wir es nicht mehr mit einem politischen System zu tun, das sich noch in seiner Entstehungsphase befindet, sondern mit einem Regime, das sich wiederholt selbst erprobt und auf Grundlage dieser Erfahrungen immer wieder neu organisiert hat.
Diese Entwicklung lässt sich zugleich nicht vom Wandel des internationalen Umfelds trennen.
Die Schwächung globaler Ordnungsmechanismen und die zunehmende Konkurrenz zwischen den Großmächten – insbesondere seit dem Ukrainekrieg – haben Staaten wie Iran zusätzliche Handlungsspielräume eröffnet.
Das Regime profitierte daher nicht allein von seiner inneren Struktur. Es profitierte ebenso von einem instabileren internationalen Umfeld, das ihm größere Möglichkeiten zum Manövrieren und zum Aufbau interessengeleiteter Beziehungen mit Großmächten wie Russland und China bot.
Iran bewegt sich damit heute in einer internationalen Ordnung, die fluider, weniger vorhersehbar und weniger diszipliniert ist – und gerade deshalb einem an Krisen und Machtkonkurrenz gewöhnten Regime zusätzliche Spielräume eröffnet.
Warum ist das Regime nicht gefallen?
Nachdem wir die Entstehung des iranischen Regimes nachgezeichnet haben – von der Revolution zum Staat, von seiner ursprünglichen Struktur bis zu seiner Weiterentwicklung und Neuorganisation in den vergangenen Jahren, von der Frage der Legitimität bis zum Zusammenspiel von Innen- und Außenpolitik –, kehrt die zentrale Frage mit noch größerer Dringlichkeit zurück:
Wie kann ein Regime, dessen Führung auf mehreren Ebenen gezielt angegriffen wird, weiterbestehen, ohne zusammenzubrechen?
Die Antwort liegt nicht in einem einzelnen Faktor.
Sie liegt vielmehr in der Überlagerung mehrerer Elemente, die das iranische System von konventionellen Staats- und Herrschaftsmodellen unterscheiden.
Die Islamische Republik wurde nicht als hierarchische Ordnung aufgebaut, deren Existenz von einem einzigen Zentrum oder einer einzigen Führungsperson abhängt.
Sie entwickelte sich vielmehr zu einem komplexen Netzwerk verschiedener Machtzentren, in dem Autorität auf religiöse, politische, sicherheitsstaatliche und wirtschaftliche Institutionen verteilt ist.
Der Ausfall eines einzelnen Zentrums führt deshalb nicht zwangsläufig zum Zusammenbruch des gesamten Systems.
Auch der Oberste Führer bildet innerhalb dieser Struktur nicht allein das Zentrum des Regimes. Er ist vielmehr Teil einer umfassenderen Ordnung, die in der Lage ist, sich selbst dann zu reproduzieren, wenn zentrale Persönlichkeiten ausfallen.
Die Revolutionsgarden, die religiösen Institutionen und die mit dem System verflochtenen wirtschaftlichen Netzwerke funktionieren nicht lediglich als untergeordnete Instrumente einer einzelnen Führung.
Sie sind eigenständige Säulen des Systems, die sich letztlich in einem gemeinsamen Ziel treffen:
dem Überleben des Regimes.
Hinzu kommt die besondere Form seiner Legitimität, die entscheidend erklärt, weshalb das System eine so hohe Widerstandsfähigkeit entwickelt hat.
Ein Regime, das seine Legitimität vor allem aus Stabilität ableitet, kann an seiner ersten großen Krise zerbrechen.
Ein Regime hingegen, das sich selbst über Konflikt definiert, findet gerade in der Krise eine Umgebung, in der seine eigenen politischen Mechanismen funktionieren.
Angriffe werden in diesem Rahmen nicht ausschließlich als Zeichen eigener Schwäche interpretiert. Sie können vielmehr als Beweis dafür umgedeutet werden, dass das System gezielt angegriffen wird – und damit zu einem zusätzlichen Argument für innere Geschlossenheit werden.
Auch die Existenz elektoraler Institutionen trägt trotz ihrer erheblichen Grenzen zu dieser Stabilität bei.
Sie schafft interne Kanäle zur Neuverteilung politischer Macht und zur Aufnahme gesellschaftlicher und institutioneller Spannungen, ohne zugleich die Tür für eine grundlegende Veränderung der Herrschaftsstruktur zu öffnen.
Gleichzeitig bindet die wirtschaftliche Verflechtung mit dem Regime große Teile der Elite unmittelbar an dessen Fortbestand.
Die Erhaltung des Systems wird dadurch nicht nur zu einer politischen Entscheidung, sondern für zahlreiche Akteure zu einer materiellen Notwendigkeit.
Auf außenpolitischer Ebene erfüllt die dauerhafte Konfrontation – trotz ihrer erheblichen Kosten – eine innenpolitische Funktion, die ihrer außenpolitischen Bedeutung kaum nachsteht.
Sie stärkt die Identität des Regimes und ermöglicht es, inneren Druck nach außen umzulenken.
Gleichzeitig verhindert der praktische Pragmatismus der iranischen Führung eine vollständige Isolation, indem er interessengeleitete Beziehungen zu regionalen und internationalen Mächten ermöglicht.
Vor diesem Hintergrund wird deutlich, weshalb selbst gezielte Angriffe auf hochrangige Führungspersonen – so schwerwiegend ihre Folgen auch sein mögen – nicht zwangsläufig einen umfassenden Zusammenbruch auslösen.
Das iranische Regime ist kein Körper, der sich vom Kopf her zerlegen lässt. Es ist ein verteiltes System, das sich aus seinem Inneren heraus erneuert und nach jedem Schock sein Gleichgewicht neu herstellt.
Genau darin liegt das grundlegende Paradox:
Das Problem besteht nicht allein in der Stärke des Regimes, sondern auch in der Art, wie wir dieses Regime wahrnehmen.
Wer es wie ein konventionelles Herrschaftssystem betrachtet, gelangt zwangsläufig zu falschen Schlussfolgerungen.
Denn eine solche Betrachtung beruht auf der Annahme, dass die Ausschaltung der politischen Führung zugleich das Ende der gesamten Struktur bedeuten müsse.
Die iranische Erfahrung deutet jedoch auf das Gegenteil hin.
Sie zeigt nicht nur die Grenzen militärischer Macht.
Sie zeigt ebenso die Grenzen unseres Verständnisses.
Ein System, das dafür geschaffen wurde, unter permanenter Spannung zu funktionieren, bricht unter Druck nicht zwangsläufig zusammen.
Es kann diesen Druck vielmehr nutzen, um sich neu zu organisieren.
Am Ende lautet die Frage deshalb nicht:
Warum ist das iranische Regime nicht gefallen?
Denn Regime, die auf Stabilität aufgebaut sind, brauchen Frieden, um zu überleben …
Regime hingegen, die auf Konflikt aufgebaut sind, haben gelernt, im Sturm zu leben.
Die eigentliche Frage lautet daher:
Konnte dieses Regime angesichts der gegen es eingesetzten Mittel überhaupt jemals auf diese Weise zu Fall gebracht werden?









