Do.. Sep. 3rd, 2026

Alaa Alkhatib

علاء الخطيب

6- Der Zerfall des Zentrums: Das Zeitalter der Sultane und die Formung der Orthodoxie

Die Geschichte des Islams: Im Spannungsfeld von Sakralität und Menschlichkeit (6)

 

Von: Alaa Al-Khatib

24.02.2026

 

Was geschieht, wenn sich der Kalif von einem absoluten Herrscher in eine bloße „Geisel“ im eigenen Palast verwandelt? Wie wandelte sich das Weltreich von einer geographischen Einheit in fragmentierte Staaten, die nach Ethnien und Konfessionen gespalten waren?

In diesem Beitrag dekonstruieren wir den großen „strukturellen Staatsstreich“ der islamischen Geschichte: von al-Mutawakkil, der den „rationalistischen Geist der Muʿtaziliten begrub, bis zum „Qadiritischen Creed“ (Al-Iʿtiqād al-Qādirī – der ersten offiziellen Staatsdogmatik), das dem Denken starre Grenzen setzte. Wir beleuchten das Schicksal al-Tabarīs, das den Aufstieg des religiösen Extremismus auf der Straße offenbarte, sowie die Werke von al-Ghazālī und al-Māwardī, die – jeder auf seine Weise – die Logik fesselten und die „hässliche Realität“ des politischen Niedergangs legalisierten. Dies ist die Geschichte vom Zerfall der Politik und dem Aufstieg der Sekten als Ersatz für den Staat.

 

Die Ära al-Mutawakkils: Der Staatsstreich gegen die Vernunft

Diese Epoche begann mit einer politischen Entscheidung, die die Fundamente des Staates erschütterte. Kalif al-Mutawakkil beschloss, die Mihna (die Inquisition bezüglich der Erschaffenheit des Korans) zu beenden und wandte sich radikal gegen die Muʿtaziliten (die rationalistische Schule).

Diese geistige Stagnation wurde später im „Qadiritischen Creed“ unter Kalif al-Qādir kodifiziert. Dieses offizielle theologische Dokument dekretierte die traditionelle Doktrin und exkommunizierte alle Abweichler. Dies war nicht bloß ein religiöser Sieg; es war ein funktionaler Wandel. Die Obrigkeit gab den Versuch auf, die Religion zu rationalisieren, und umarmte stattdessen einen „populären Traditionalismus“, um sich die Loyalität der Masse zu sichern. Damit verwandelte sich der Staat von einem Förderer der Wissenschaften in eine „Religionspolizei“.

Der Staatsstreich al-Mutawakkils beschränkte sich nicht auf die Theologie, sondern definierte auch das Verhältnis des Staates zu seinen nicht-muslimischen Bürgern neu. Im Jahr 235 n. H. erließ er die strengsten Dekrete der Abbasiden-Geschichte: Er zwang Christen und Juden zum Tragen des „Ghiyār“ (gelbe Kennzeichnungskleidung), verbot ihnen das Reiten von Pferden und ließ neu gebaute Kirchen zerstören. Dies war ein kalkulierter Schritt, um konservative Kräfte zu umwerben und eine starre, geschlossene islamische Identität zu konstruieren – ein historischer Vorläufer der späteren Politik al-Hākims bi-Amr Allāh in Ägypten.

 

Schatten-Kalifen und der Aufstieg der Sultane

In Bagdad besaß der Kalif keine reale Macht mehr. Die Mamluken (türkische Militärsklaven), die einst von Kalif al-Muʿtasim geholt worden waren, wurden zu den eigentlichen Herren des Palastes. Sie setzten Kalifen nach Belieben ab, ermordeten sie oder setzten neue ein. Diese Schwäche des Zentrums führte zum Entstehen „unabhängiger Dynastien“, die auf Geographie und Ethnie basierten:

  • Die Tuluniden und Ichschididen in Ägypten.
  • Die Hamdaniden (Araber) in Aleppo.
  • Die Samaniden und Ghasnaviden im Osten (Persien und Zentralasien).

Das Reich wurde zu einem „kranken Mann“, der von Militärführern (Sultanen) beherrscht wurde. Der Kalif blieb eine bloße Symbolfigur, dessen Name zwar im Freitagsgebet genannt und auf Münzen geprägt wurde, der jedoch über keinerlei reale Autorität mehr verfügte.

Das Bündnis von Herrscher und Klerus: Das Schicksal al-Tabarīs

Das Bündnis zur Legitimation der Macht, das unter den Umayyaden begonnen hatte, erreichte eine hochgefährliche Stufe. Ein politisch schwacher Staat benötigte die Legitimität radikaler Juristen, um die Straße zu kontrollieren, was die Verfolgung von Abweichlern populistisch anheizte.

Das prägnanteste Beispiel ist Imam al-Tabarī, der Verfasser der bedeutendsten Werke zur Geschichte und Koranauslegung. Er starb unter Hausarrest und musste aus Furcht vor hanbalitischen Mobs (extremistischen Anhängern der traditionalistischen Schule) nachts heimlich begraben werden. Sie beschuldigten ihn der Ketzerei, bloß weil er abweichende Gelehrtenmeinungen anerkannte. Hier wurde die „extremistische Straße“ unter dem Schutz des Sultans zum tatsächlichen Herrscher.

 

Die Dualität der Ära: Naturphilosophen im Kreuzfeuer

Es entstand ein erstaunliches Paradoxon: Während Juristen das theologische Denken erstickten, erreichten Naturwissenschaftler weltweite Höchstleistungen. Avicenna (Ibn Sīnā), Rhazes (al-Rāzī) und Alhazen (Ibn al-Haitham) erlangten ihre Größe nicht wegen, sondern trotz des offiziellen religiösen Establishments.

Sie lebten ein getriebenes Leben zwischen den Palästen der Fürsten, die ihre medizinischen und wissenschaftlichen Fähigkeiten benötigten, und den Anschuldigungen der Ketzerei (Zandaqa), die von den Kanzeln herab geschleudert wurden. Dadurch entstand eine historische Kluft zwischen experimenteller Wissenschaft und religiösem Denken, die über Jahrhunderte anhalten sollte.

Der Aufstieg des Ascharismus: Die Institutionalisierung der Spaltung

Inmitten dieses politischen Lärms trat Abu al-Hasan al-Ašʿarī auf. Als ehemaliger Muʿtazilit begründete er eine Schule (den Ascharismus), die versuchte, „Vernunft“ und „Text“ zu versöhnen. Dies war der „mittlere Weg“, den der Staat (insbesondere unter den Seldschuken) übernahm, um die sunnitische Front gegen die Expansion schiitischer Dynastien (wie der Fatimiden und Buyiden) zu einen. Damit verfestigte sich das, was wir heute als „Ahl al-Sunnah wa al-Dschamāʿah (sunnitische Orthodoxie) bezeichnen.

Diese Abgrenzung manifestierte sich auch physisch in den großen Moscheen durch das Aufkommen von vier Mihrābs (Gebetsnischen) – eine für jede der vier sunnitischen Rechtsschulen. Muslime beteten nicht mehr hinter jedem beliebigen Imam, sondern nur noch hinter dem Imam ihrer spezifischen Rechtsschule. Die Jurisprudenz verwandelte sich von der „Suche nach der Wahrheit“ in eine „Teil-Identität“, die die Gesellschaft spaltete.

Die Sklavengesellschaft und das System der Mamluken

Auf sozialer Ebene breitete sich die Sklaverei stark aus, und Sklavenmärkte wurden zu einem festen Bestandteil des Stadtbildes. Da der Staat das Vertrauen in Araber und Perser verloren hatte, stützte er sich auf türkische Mamluken. Diese Kriegersklaven, die als Palastgarden begannen, wandelten sich bald zu Königen. Sie verdrängten die Kalifen und begründeten die Ära der Mamluken-Sultanate, die die Region fortan mit dem Schwert beherrschten.

 

Al-Māwardī: Der Jurist der vollendeten Tatsachen

Wie kann ein Jurist einen machtlosen Kalifen und einen Sultan ohne religiöse Legitimität rechtfertigen? Al-Māwardī lieferte in seinem Werk „Al-Ahkām al-Sultāniyya“ (Die Regeln der Herrschaft) die juristische Konstruktion für diese „hässliche Realität“.

Er erkannte die „Machtübernahme durch Gewalt“ (Imārat al-Istiʿlā‘) an und argumentierte, dass derjenige, der die tatsächliche Macht besitzt (der Sultan), legitim sei, solange er die Gemeinschaft schütze und das Gebet aufrechterhalte. Al-Māwardī etablierte den pragmatischen Grundsatz: „Ein ungerechter Sultan ist besser als dauerhafte Fehde (Fitna).“

 

Al-Ghazālī: Die Fesselung der Philosophie

Den Höhepunkt dieses intellektuellen Wandels markierte Abu Hāmid al-Ghazālī. In seinem Werk „Die Inkohärenz der Philosophen“ (Tahāfut al-Falāsifa) versetzte er der griechischen Philosophie innerhalb des islamischen Denkens einen Todesstoß.

Al-Ghazālī war der „ideologische Architekt“ der Nizamiyya-Schulen (dem ersten staatlich geförderten Universitätsnetzwerk). Er strukturierte das muslimische Denken neu, indem er den „Bayān“ (den offenbarten Text) über die freie Vernunft stellte. Er setzte dem Geist starre Grenzen, was langfristig zur intellektuellen Stagnation führte.

 

Konfessionelle Unruhen: Die brennende Straße

Die Konflikte in Bagdad blieben nicht auf Bücher beschränkt; sie brannten auf den Straßen. Historiker beschreiben die verheerenden Bürgerkriege zwischen Hanbaliten und Aschariten sowie zwischen Sunniten und Schiiten. Bagdad wurde regelmäßig von konfessionellen Krawallen heimgesucht, die von Politikern geschürt wurden, um von der eigenen Unfähigkeit abzulenken. Religion verwandelte sich von einer „spirituellen Botschaft“ in eine „tödliche Identität“, die zur Begleichung politischer Rechnungen missbraucht wurde.

 

Die Tragödie unter al-Hākim: Extremismus erzeugt Demographie

Im fatimidischen Ägypten erlebte die Herrschaft von al-Hākim bi-Amr Allāh eine dramatische Wende. Er ließ die Grabeskirche in Jerusalem zerstören und erlegte den ägyptischen Kopten Präzedenzlos Härten auf: Sie wurden gezwungen, schwere Kreuze zu tragen, und das Reiten von Pferden wurde ihnen untersagt.

Diese Verfolgung führte zur größten Konversionswelle zum Islam in der Geschichte Ägyptens, da die Menschen vor der Tyrannei des Sultans und der Last der Dschizya (Sondersteuer) flohen. Dies zeigt eindrücklich, wie extreme politische Entscheidungen die demographische Landkarte eines Landes dauerhaft verändern können.

 

Almohaden versus Almoraviden: Wenn Ideologie in Genozid mündet

Im fernsten Westen (Nordafrika) formulierte Ibn Tūmart, der Begründer der Almohaden-Bewegung, eine strenge Doktrin auf Basis eines „absoluten Monotheismus“, wie er ihn interpretierte. Für ihn waren die herrschenden Almoraviden nicht bloß politische Rivalen, sondern „Ungläubige“ und „Anthropomorphisten“ (die Gott menschliche Eigenschaften zuschreiben). Diese theologische Rahmung fungierte als Freibrief für Gräueltaten.

In Marrakesch war der Krieg keine politische Schlacht, sondern eine „dogmatische Säuberung“. Die Almohaden begingen auf der Grundlage von Exkommunikationsdekreten (Takfīr) Massenmorde. In nur wenigen Tagen wurden fast 70.000 Almoraviden getötet – nicht auf einem Schlachtfeld, sondern in „Hinrichtungen aufgrund ihrer Identität“. Politischer Ehrgeiz trug die Maske der Glaubenslehre und verwandelte Nachbarn in Henker. Dies war das grausamste Kapitel der islamischen Geschichte vor dem Einfall der Mongolen.

 

Fazit

Der sechste Teil lehrt uns: Die Schwäche des Staates führt unweigerlich zum Aufstieg von Teil-Identitäten und konfessionellem Extremismus. Als das starke Gesetz schwand, übernahmen der Jurist und der Militärführer das Ruder. Der Islam trat in eine Phase der „intellektuellen Einkapselung“ ein, in der er versuchte, seine Identität inmitten des politischen Kollapses zu bewahren – doch der Preis dafür war ein dauerhafter Urlaub für den freien Geist.

Im nächsten Teil stehen wir vor den größten Erschütterungen: den Kreuzfahrern aus dem Westen und den Mongolen aus dem Osten – und wir werden erleben, wie der Mamluken-Staat aus den Trümmern des Kalifats erwuchs.

 

=====

Möchten Sie die gesamte Studie am Stück lesen oder ein bestimmtes Kapitel vertiefen? Nutzen Sie die folgenden Links, um direkt zum gewünschten Abschnitt zu gelangen:

 

Den vollständigen Beitrag hier lesen:
Geschichte des Islams (Das vollständige Manifest): Der Islam zwischen dem Sakralen und dem Menschlichen

 

Oder möchten Sie vielleicht die weiteren Teile dieser Reihe lesen:

 

  1. Souveränität und Verhandlung: Eine analytische Lektüre der Entstehung des „Gemeinwesens von Medina“.
  2. Der Kampf um Legitimität und die Existenzprüfung: Die Saqīfah, die Ridda und die Eroberungen
  3. Von Omars Ermordung bis zur Großen Fitna: Wenn der Staat seine eigenen Kinder frisst.
  4. Vom Kalifat zum Königreich: Die Geburt des Imperiums und des „Real-Staates“ – Die Umayyaden-Dynastie
  5. Das globale Imperium: Das Ringen der Nationalitäten und die Formung des muslimischen Geistes – Macht versus Jurist
  6. Der Zerfall des Zentrums: Das Zeitalter der Sultane und die Formung der Orthodoxie
  7. Das Zeitalter des Bruchstücks: Kreuzfahrer, Mongolen und die Jurisprudenz der Belagerung
  8. Der Herbst des Reiches: Der Tunnel der Stagnation und der Schock des Erwachsens
  9. Am Scheideweg: Die gescheiterte Aufklärung und der Aufstieg der Ideologie
  10.  Der historische Prozess: Auf dem Weg zu einem Islam ohne Götzen